Nu stiu Romaneste

(12. Juli 07)

Ich gruesse von Cisneu-Cris, eine 10 000-Leute-Stadt 50 km von Arad. Die Unterkunft hat unsere Lebenshaltungsstandards in Frage gestellt: wir wunderten uns ueber kaum Tageslicht, viel Muecken und Floehe, eine provisorisch aussehende Dusche (Wasserleitung mit Duschkopf, Holzpalette als Boden), geringe Hygienestandards und niedrige Essenssaetze (0,6 Lei = 0,2 Euro p. Person f. Fruehstueck). Aber eigentlich koennen wir dankbar sein fuer regelmaessige Muellentleerung, kein Zustand der Baufaelligkeit, gutes Mittagessen und rund-um-die-Uhr-Security-Guard.

Das waren die Aeusserlichkeiten. Mir wichtiger, weil herzlicher, ist das, was wir in Misca, ein 1000-Leute-Dorf, gemacht haben: jeden Tag (insg. 9 Tage) sind wir dort Vormittag und Nachmittag hingefahren, und die Kinder (taeglich 30-40 kinder)(5-16 Jahre) waren dort schon … Lobpreis / Kinderlieder (zB Isus este calea, adevarul si viata – Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben)(wir diskutierten, ob die Bewegungen dazu ok sind – die doerfliche Kultur sagt, dass Christen nicht tanzen duerfen), ein Spiel (zB Ein Ball mit der Nasenspitze zum Ziel schieben)(wobei man schon fuer die Aufgaben „Macht einen Kreis“ oder „Stellt euch in eine Reihe“ ca 5 min Zeit einplanen muss), ein Abschnitt aus Puncinello (Max Lucado) (Ich hatte wieder viele Punkte – guter Anknuepfpunkt um von meiner Aussenseitervergangenheit zu erzaehlen), eine kurze, kindgerechte Predigt (mit Anspielen, Interaktion oder Symbolen aufbereitet)(ich redete darueber, dass wir ein lebendiger Brief Gottes sind, mit dem Inhalt: Gott liebt dich, du kannst veraendert werden. und ueber „was ist eigentlich beten?“), und dann noch ein Spiel (das vorher nie geplant war – Spontinitaet ist hier hoch im Kurs, der Lei uebrigens nicht (ich habe Kassenverantwortung). Interessant war die Erfahrung, dass seitdem ich ihnen Aufmerksamkeit schenkte, einige Maedchen an mir „klebten“ … ja, ich bin ein grosser Bruder (nein, ich bin kein Liebhaber (amant)).

Grosser Bruder bin ich auch den kleinen Kindern von unserem Team. Gott redet zu mir ueber Ehrfurcht und Demut, und bezueglich der Zukunftsfrage … Frankreich. Rumaenisch lernen macht Spass, und wenn ihr mich fragt, was ich in den naechsten zwei Wochen mache, antworte ich, was Rumaenen gerne antworten: nu stiu, ich weisst nicht. Herzliche Gruesse.

Die Zeitmaschine

Bild: keltern von Weintrauben: alle stampfen in einem Trog auf den Weintrauben.

was mache ich aus meiner Zeit?

Ich presse sie – so lange, bis sie tot umfällt.
Ich würge sie – liebe ich sie so sehr?
Denn wenn es regnet, gieße ich die Pflanzen,
und wenn die Sonne scheint, strahle auch ich.

Ich drücke sie – so lange, bis sie umkippt.
Ich schiebe sie – und die Bremsen geben nach.
Denn was sich löst, verändert auch mich,
und wenn das Wasser kommt, bin ich frei.

Ich beiße sie – das Herrchen zappelt.
Ich rufe sie an – wann? wann kommst du?
Denn nur wenn du da bist, kann Schönheit sich wohlfühlen,
und ohne deine Anwesenheit ist die Berufswelt wüst und voll.

Ich schaue auf meine Uhr.
Ich gebe ihr eine Umarmung.
Beehren sie mich bald wieder!, rufe ich ihr zu,
doch sie ist schon weg.


Mensch,
sei weise,
was du tust.

Fange an,
wofür dein Herz schlägt,
und beende,
wofür dein Herz schlägt.

Und vergiss nicht:
es gibt auch Zeiten der Ruhe.

Das Leben ist schön

(Dinge, die meinem Herzen die letzten Tage wichtig geworden sind)

Ich las den folgenden Kommentar über Ungeborenes Leben und war betroffen.

„Es ist in unserer Gesellschaft leichter, ein Kind im Mutterleib zu töten, als einen Baum zu fällen“ (Barbara Wussow, Schauspielerin)

Das Leben ist schön
Kerstin Hack, Initiative „Das Leben ist schön“

Als ich für Wirtschaftswachstum hier vor Ort betete, hatte ich eine Idee. Die Jungen haben Ideen, aber nicht den Mut, sie umzusetzen. Die Alten haben Erfahrung, aber nicht den Mut, etwas Neues zu wagen. Darum brauchen wir beides, beide, die zusammenarbeiten. Ich denke daran, dass Firmengründungen meistens aus drei jungen Leuten bestehen, und daran, dass diese im besten Falle BWL-Kenntnisse haben. Aber sie haben nicht das wirtschaftliche Feingefühl, darum können sie auch nicht realistisch abschätzen, ob ihre Geschäftsidee hier jetzt funktioniert.

Man könnte jetzt, auf Reaktion von dieser Idee, eine Initiative starten, bei der man sie zusammensammelt – aber ich kann das nicht, ich haber weder das nötige soziale noch das nötige wirtschaftliche Feingefühl – denn es ist sehr wackelig, weder dürfen die Alten zu dominant sein, dann fühlen die Jungen sich gebremst-unmotiviert; noch dürfen die Jungen den Rat der Alten völlig ablehnen.

So weit ich weiß, gibt es solche Initiativen nur in der Form, dass die Rolle des „Alten“ durch eine Organisation übernommen wird. Ich denke, dass in dieser persönlichen Form – ein Alter und ein Junger gründen eine Firma – viel mehr Potential liegt.

Freitag wird unser Niedrigseilgarten eröffnet. Ziel ist: Werte wie Teamarbeit zu vermitteln, durch die Aktionen und den Spaß den man hat.

Gestern redeten wir über unsere persönliche Werte. Als ich vorstelle, was ich damit meine, fällt mir auf, dass es an sich schon ein bisschen widersprüchlich ist: Werte sind normalerweise Kennzeichen einer Gemeinschaft, nicht eines Einzelnen. Also ich definierte „persönliche Werte“ als „Dinge, die mir wertvoll sind – so wertvoll, dass ich unzufrieden bin, wenn ich sie eine längere Zeit nicht erlebe.“ Meine Liste:

  • Detailarbeit – Qualität ist wichtiger als Quantität.
  • Ehrlichkeit – ich lebe das, was ich sage. Es ist klar, integer.
  • (innere) Schönheit – Kunst öffnet mir die Augen für die Größe Gottes.

Und weil ich Landa Cope, The Old Testament Template lese, weiß ich, dass all diese Ideen sehr viel mit Gott zu tun haben: Er ist der Schöpfer ALLER Dinge, also auch Wirtschaft etc. In allem muss Gott verherrlicht werden, nicht nur in der Kirche.

Meer der Zukunft

Also gut. Ich stelle mich dem Kampf mit dem leeren Blatt Papier, mit der Ungewissheit, wohin es führt. Wohin werde ich geführt? Wohin führe ich?

‚Nichts Neues unter der Sonne‘ sagte der Matrose, während er das Meer anstarrt. Es ist Windstille, tausend kleine Wellchen tummeln sich wie Millionen Menschen, die im Takt ihres Arbeitgebers ihre Arbeit verwirklichen. Sie schaffen Realitäten, ohne Realitäten schaffen zu wollen; sie wollen Mensch sein, benutzen dazu aber menschenunwürdige Mittel. Die Sonne strahlt, auch heute, mit erstaunlicher Konstanz und Präzision. Wenn doch nur genauso konstant Liebe unserem sozialen Gefüge hinzugefügt würde! denkt er und wundert sich über diesen Gedanken.

Eine leichte Briese streichelt seine Hand. ‚Du bist mein geliebter Sohn‘ hört er in seinem Inneren. Ist ihm diese Stimme nicht wohlbekannt? An wen erinnert sie ihn? Er schließt die Augen und überlegt. Wer könnte das bloß gewesen sein? Geliebter Sohn … moment, das ist ja krass. Ich bin geliebt? Von wem ?!

Seit 2 Jahren war er auf diesem Schiff unterwegs. Er hat Stürme überlebt, und inzwischen ist er gut mit der Mannschaft eingespielt. Man vertraut sich gegenseitig, weil man muss – wenn wir nicht zusammenhalten, bricht der Wind uns auseinander. Und dennoch …

… Geliebter Sohn … ein Sohn braucht seinen Vater, um zu überleben. Aber nicht darum vertraut er ihm. Auch nicht, weil sie einen Vertrag unterzeichnet, oder einen Kompromiss geschlossen hätten. Ein Sohn vertraut seinem Vater, einfach weil der Vater ihn liebt. Zum Beispiel indem er das Essen besorgt, zum Beispiel durch gemeinsame Angeltouren, die gemeinsamen Gespräche, das gemeinsame Schweigen … das Meiste bleibt wohl unsichtbar, wie die Tiefen des Eisberges.

Ein Vater, der mich liebt? Sein Zimmerkollege tippt ihm von hinten auf die Schulter. ‚Na, was träumst du schon wieder?‘ und verschwindet, zum Frühstück.

Das Meer ist klar. Meine Gedanken nicht.

Und die Sonne geht schon auf

FSJ – Zentralakademie

Einige Sätze, die ich aus den Seminartagen des RMJ in den Gästehäusern Hohe Rhön mitgenommen habe:

„Verliebtsein ist wie ein Schnupfen; er kommt und geht.“ (Karl Bayer)

„Wer mit 17 noch nicht verliebt war, ist in seiner Entwicklung hinterher … Fange keine Beziehung an, bevor du nicht deine eigene Identitätssuche einigermaßen abgeschlossen hast.“ (Karl Bayer)

„Wachsende Reife ist nichts anderes als wachsende Frustrationstoleranz: wie lange kann ich es aushalten, von der Wunschauslösung (z.B. Hunger) bis zur Wunscherfüllung (z.B. Essen) zu warten?“ (Karl Bayer) Er sagte diesen Satz im Kontext von Wahrheit und Denominationen: wir wollen die Wahrheit wissen und ausdiskutieren; aber sind wir auch bereit, ein Leben lang auf die Antwort zu warten?

„Besser man macht aus einem Saustall eine Kirche (z.B. das Evangelium in die Kneipen bringen), als aus einer Kirche einen Saustall zu machen (z.B. indem man sich so lange in theologischen Diskussionen verstrickt, bis das „Blut“ spritzt und die Herrlichkeit Gottes flieht)“ (Fritz Schroth)

„Geborgenheit ist aktiv und passiv. Aktiv: „Ich berge mich in dir, ich vertraue dir“ und Passiv: „(ich vertraue dir) dass du mir Schutz gibst.“ Aus dieser Geborgenheit entsteht dann Mut, es zu wagen, (aktiv) gehorsam zu sein (passiv).“ (ich selbst)

„Frömmigkeit ist die Entscheidung, die Abhängigkeit von Gott als Glück zu bezeichnen.“ (Hermann Bezzel)

„Die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen ist die wichtigste Quelle der Wertschöpfung.“ (Fritz Schroth?)

„Ich bitte euch, denkt nicht über Sünde nach. Wer über Hass nachdenkt, fängt an zu hassen. Der einzige Ort, wo Sünde nicht Verdamnis hervorruft, sondern Vergebung, das ist das Kreuz Gottes.“ (Fritz Schroth)

Ich sehe den Nebel draußen (dort ist es oft neblig) und spüre, dass es ein Bild ist, wie Gott um uns herum ist, überall da, ganz nah. Und ich höre: „Mit meinen Armen umgebe ich dich – bis ans Ende der Zeit.“

„Das Baby ist der einzige Mensch, der das Recht hat, verstanden zu werden ohne Worte.“ (Dennis Clackworthy) Darum sprich aus, was dich stört. (Aber in Weisheit.)

„Diese Einstellung, ‚Rutsch mir doch den Buckel runter‘, das ist freiwillige Einsamkeit.“ (Clackworthy)

„Auch wenn die Welt noch so technisch-gläsern wird, eine Grenze bleibt. Ich kann nur wissen, was in deinem Herzen vorgeht, wenn du es mir erlaubst.“ (meine Reaktion auf ein Absatz des John Ortberg-Buches „Everybody’s normal till you know them“)

„Würde ist ein unsichtbares Mal auf der Stirn, ein Stempel: diese Person ist Gottes Eigentum. D.h. wer eine Person verletzt, verletzt Gott.“ (meine Reaktion auf die Antwort von Karl Bayer zu der Frage, ob Todesstrafe biblisch ist.)

Viele neue Gedanken. Jetzt ist die Herausforderung, wieder in Hainichen anzukommen (die Neuerungen herausfinden, die alten Beziehungen wieder bauen etc.).

Zu: Angela Fresz: DISG & aktive Lebensplanung

(wieder eine Wiederspiegelung meines Herzens von der Lehrwoche)

Meine Freunde, wie schön dass es euch gibt. Ihr bereichert mich, und ich möchte lernen, dass das wichtiger ist als die Konfliktpunkte die dadurch entstehen. Einheit ist „gefährlich“: die Gefahr, dass ich verletzt werde, ist viel größer; aber die Effizienz, etwas zusammen zu tun, mit einem Herzen, ist viel größer.

Möchte lernen, auf diese unterschiedlichen Menschentypen Rücksicht zu nehmen; mehr Worte zu benutzen, damit auch D-Typen mich verstehen; möchte lernen, wie man Ergänzung lebt, wie ich meine Gaben gut einbringen kann und ihre Gaben gut annehmen kann und wie das Ganze dazu dient dass der Tempel des Höchsten gebaut wird: seine Gemeinde. Ich bin Teil der Gemeinde, und Gott heiligt seine Gemeinde. Darum sehne ich mich nach Erneuerung mit dir; denn ich möchte lernen, mit dir eins zu sein, wie Jesus mit dem Vater eins war. Das klingt visionär. Das klingt gut.

Vater, lehre uns deine Liebe. Deine Furchtlosigkeit. Deine Annahme. Lehre uns, wie wir uns gegenseitig helfen können zu lernen. „Stiftet einander an zu Liebe und guten Taten“ steht im Hebräerbrief (Kap. 10) und das möchte ich leben.

Wie kann ich das Beste aus meiner Aufgabenorientiertheit machen und trotzdem Beziehungen mit dem Wert schätzen, den sie tatsächlich haben: sie sind wesentlich wertvoller als meine Projekte.

Möchte euch grüßen mit dem Überfluss meines Herzens. Möchte euch geben, was eurem Wert gebührt; aber ich kann nur geben, was mir gegeben wurde. Möchte euch ehren. Möchte mein Alles in euch hineingeben. Mein Äußerstes für Gott bedeutet auch, total für die Welt um mich da zu sein, anfassbar zu sein. Möchte, auf der Basis von Gott, hingehen und verändern. Möchte die Gemeinschaft mehr lieben als meinen Traum von der Gemeinschaft.

Möchte lieben, wie Gott liebt.

Das Weihnachtsgeschenk

Text: Matthäus 2

Der Geist Gottes sprach zu den Herzen der Magier: „Komm!“ Sie hörten den Ruf, brachen ihre Zelte ab. „Wir wollen ihm die Ehre geben, die ihm gebührt. Was können wir ihm geben?“

Der Erste sagt: „Ich gebe ihm Gold“ und sammelte all sein Gold zusammen. Zu Jesus sagte er: „Ich wünsche dir, dass du in Reichtum lebst. Du hast das Recht, das Gold aller Juden zu sammeln, und ich will ihnen gleich sein.“ Und Jesus antwortete: „Nein, sondern ich gebe anderen Reichtum. Sieh doch das Gold in meinem Herzen.“

Der Zweite sagte: „Ich bringe ihm Weihrauch“ und fühlte sich ganz schlau, weil er gehört hatte, dass die Juden Weihrauch opferten als Ausdruck höchster Hingabe. Zu Jesus sagte er: „Geh hin, opfere dies für dich. Ich wünsche dir, dass du vor deinem Gott gerecht bist, damit du gesegnet wirst wo immer du hingehst.“ Und Jesus antwortete: „Nein, sondern mich selber werde ich opfern. Ich werde nicht Gerechtigkeit nehmen, sondern Gerechtigkeit geben. Damit die Juden und alle, die zu ihnen gehören werden, gesegnet sind, wo immer sie hingehen.“

Der Dritte sagte: „Ich gebe ihm Myrrhe.“ Zu Jesus sagte er: „Ich wünsche dir einen schönen Tod. Ich wünsche dir, dass du lange herrscht, und dass du selbst bei deiner Beerdigung von deinem Volk geehrt wirst: du wirst in ein Grab begraben werden wie ein König.“ Und Jesus antwortete: „Nein, sondern ich werde sterben, damit andere einen wahrlich schönen Tod haben können. Ich werde sterben vor der Reife meines Alters, und dennoch: Es wird vollbracht sein.“

Der Geist Gottes sprach zu den Herzen der Hirten: „Komm!“ Sie hörten den Ruf, und fragten sich: „Was können wir dem König geben?“ Sie fanden nichts. Aber sie begriffen, dass Gott sie gerufen hatte, trotzdem. Und sie brachen ihre Zelte ab.

Sie gaben dem König die Anbetung, die ihm gebührt. Sie hatte nichts, also gaben sie sich selbst. Egal wie reich du bist: bist du arm genug, um dem König der Könige zu begegnen?

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„The cost for the recipient of God’s grace is NOTHING – and no price could be higher for arrogant people [like me] to pay.“ (Allender, Tremper: Bold Love, p. 39)

Der Preis für den Empfänger von Gottes Gnade ist NICHTS – und kein Preis könnte höher sein für arrogante Menschen [wie mich].

Momentaufnahmen meines Lebens (Heimaturlaub)

19. November, 17:00

Der Wecker klingelt, ich verabschiede mich von den Kaffeegästen. Simones Wohnung ist schön, und auch schön klein.

Ich fahre zum Petuelring, suche die Straße, in der ich den Roller abholen soll: jemand vom Jmem-Gelände hat ein Kinderroller ersteigert, und Selbstabholung war deutlich billiger als Versand. Naja gut das hat mich ein bisschen Organisationsarbeit gekostet aber das trainiert mich ja auch, ne. (Von wegen ’ne‘ gibt’s nur in Hannover. Nur hier in Sachsen spricht man es nicht ’neee‘, sondern ’ne‘ mit umgedreht e (tiefes e).) Die Straße war einfach zu finden, die Hausnummer nicht.

Mit Roller steige ich in die Trambahn, soll ich jetzt nochmal stempeln? Wenn ich mir überlege, was wäre, wenn ich tatsächlich kontrolliert werde, wird mir übel und ich merke, dass ich es eigentlich doch nicht vor mir verantworten kann. So stemple ich nochmal. („Rundfahrten sind nicht erlaubt.“)

Ich steige um in den Bus, und lese wieder dass ich am Rotkreuzplatz vorbeifahre. Ich habe schon ein paar Tage vorher überlegt, vielleicht Vroni zu besuchen, aber … jetzt erst erwäge ich es als Möglichkeit, es tatsächlich zu tun. Ich schaue auf die Uhr: ich könnte Rotkreuzplatz aussteigen, die 20 Minuten bis zum nächsten Bus zur MädchenWG rennen und wieder zurück, und dann komme ich genau pünktlich um 6 Uhr an der Donnersberger Brücke zur Mitfahrgelegenheit nach Dresden.

Zwei Stationen noch. Will ich das? Werde ich es tun? Trau ich mich? Komme ich dann nicht zu spät?

Rotkreuzplatz. Mein Herz schlägt höher. Die Türen gehen auf, mit Unentschlossenheit bleibe ich stehen. „Im Nachhinein werd ich es bereuen, es nicht getan zu haben.“ Die Türen gehen wieder zu. Erst jetzt höre ich Gottes Stimme eindeutig: „Du darfst die Zeit auskosten.“ Ich fühle mich bestätigt und breche auf, denn der Bus steht noch: er hat noch gewartet.

Schnellen Schrittes nähere ich mich der WG. Warum möchte ich das? Was ist, wenn ich gefragt werde, warum ich es mache? Die ehrliche Antwort: weiß ich nicht. Ich renne die Treppe hinauf. Ich werde vor der Tür stehen, sagen, „Ich wollte nur kurz kommen“, und dann wieder gehen.

„Komm herein“ sagt Vroni, als sie die Tür aufmacht. Ich komme herein, erkläre, warum ich einen Roller dabei habe, begrüße auch Sascha, und setze mich an den Küchentisch. „Willst du was trinken?“

Ich wollte nichts drinken, und ich wollte auch nicht die Worte wiederholen, die ich unter meinen Verwandten verteilt habe (auf die Fragen: was machst du? Wie geht es dir?), und sie sagt: „Dann erzähle etwas, was du noch keinem erzählt hast.“ Ich erzähle ihr vom Niederseilgarten und dass eine Situation symbolisch geworden ist dafür, dass ich lerne, Leiter zu sein. „Ich muss gehen.“

Pünktlich 5 vor 6 bin ich an der Donnersberger Brücke. Ich bin glücklich, zwei Gesichter gesehen zu haben, die ich mag.

„Du darfst die Zeit auskosten.“ Ja, das habe ich angefangen zu tun. Ich weiß nun, dass dazu Arbeit genauso dazugehört wie Pause – und so mache ich intensiv Pause und intensiv Arbeit. (Allerdings verplane ich deutlich mehr als 60 % meiner Zeit, was Tiki Küstenmacher als Richtlinie angiebt.) Und immer wieder mal wage ich es, spontan zu sein. Kinder auf meinen Schoß zu nehmen, meine Familie anzurufen, oder den Gedanken auszusprechen der mir grad kommt.