Herrnhut – Die kleine Stadt, die die Welt veränderte

Seit ein paar Jahren lebe ich hier in Herrnhut und bin immer wieder begeistert, wie diese kleine Stadt damals im 18. Jahrhundert entstand. Sie waren wenige, aber ihre Herzen waren einfach darauf ausgerichtet, Gott anzubeten – im Gebet, in der Arbeit, in der Mission, im Zusammenleben … in vielem wurden sie ein Vorbild für andere. Dabei waren die ersten Jahre nach der Gründung ziemlich holprig. Aber Zinzendorf gab nicht auf, und schließlich veränderte Gottes Liebe die Einwohner für immer …

Hier kannst du eine Zusammenfassung der Geschichte Herrnhuts lesen:

Geschichte Herrnhuts

(Das Jesus-Haus Herrnhut ist ein Gebetshaus in Herrnhut, für das ich arbeite.)

To live is to be called into the unknown

What if … what if life, even „my life“, was not about me? Not about what I do, what I find important, my cozy this-is-what-I-am-used-to-Bubble, or my ambitious this-is-who-I-should-be-if-only-I-work-a-little-harder …

Real life is radically different. There is somebody knocking on my heart’s door (and yours as well!), waiting to enter in. Not just a nice visitor, mind you. He is offering an all-or-nothing deal. His life – or my life. His will – or my will. But the way he talks, the way he asks me questions, I somehow realize that he actually knows what is going on in my heart – and wouldn’t comdemn me, ever. He is kind, patient, and somehow sometimes it feels like he loves me more than anybody else did – even more than I love myself. Can this be true? If it is true, what has to change? Or rather, what will remain? I don’t know.

Some say, Christianity is about getting answers, the right answers. My hunch is, if my main focus is to get the right answers, I will miss the most important bits of life. I mean, I am a researcher by heart and want to understand everything I can. And now that I am following Jesus, I would love to understand what he will do with my life and how to get there. Instead, I only hold a handful of puzzle pieces that don’t even go together. Oh, they are beautiful! But … what is the bigger picture???

Somehow, love is more about trusting somebody than understanding something. And how do you learn to trust? Well, when Love asks you out (and it will!), just say Yes. Every day.

Sounds scary, like giving up control? Exactly.

– So in the end you made the decision you’re talking about?
– I did. Those fishermen took a similar step into the unknown 2000 years ago. They got called. They went. Fishing for men, becoming a shadow doctor – we hear the words, or we read them like I did, but we’re not usually allowed to have a significant grasp of what we’re signing up for. We get called, and if that call comes from someone we want to be with – well, there’s just one question. Will we be wise – or foolish – enough to go? It begins with relationship. Always did. Always will. Who can tell where it will end? The good news is the same as the bad news. Once you’ve said yes, that’s no longer your business.

(Adrian Plass, The Shadow Doctor Vol. 2, p. 110f)

(I love that novel. Thank you so much, Adrian Plass, for spelling out how messy yet rewarding it is to follow Jesus. This book should be required reading for any counselor or Christian that really wants to impact other people’s life. I want to become a shadow doctor as well!)

(Photo by Martin Jernberg on Unsplash)

Meine Grenzen kreativ gestalten

Erst einmal: Wenn du dir dieses Bild ansiehst, welche Gefühle löst es in dir aus?

Also in mir löst dieses Bild Unruhe aus, Überforderung, „irgendwie ist das alles ziemlich viel“. Dabei sind das alles schöne Werkzeuge! Wenn ich mir vorstelle, ich brauche gerade ein bestimmtes Werkzeug und müsste es in diesem Chaos finden … brrrr. Da wünschte ich mir lieber so etwas:

Schön sortiert, und alles schon für die Benutzung vorbereitet. Leider sieht es in meinem Herzen recht oft so chaotisch wie in dem oberen Bild aus, und das Bild darunter bleibt meine Wunschvorstellung. Darum frage ich mich: Wie kann ich mein Leben entspannter leben? Wie kann ich im Alltag verhindern, dass mir alles zu viel wird?

Bei den Werkzeugen würde man anfangen, 1. sich ein System auszudenken, und 2. sich ein Möbelstück zu kaufen oder bauen, um dieses System umzusetzen. Bei den Prozessen in unseren Herzen wäre das Äquivalent: 1. sich selbst kennenlernen (Was ist denn eigentlich gerade in meinem Herzen? Was brauche ich?) und 2. sein Verhalten entsprechend anpassen (Wie kann ich dieses Bedürfniss berücksichtigen?). In der Theorie ganz einfach. Aber wie geht das praktisch?

Dazu (m)ein Beispiel. Über die Zeit habe ich festgestellt: Ich bin sehr geräuschsensibel. Musik kann ich intensiv genießen, aber Lärm „macht mich fertig“. Hier komme ich immer wieder an meine Grenze, oder spüre die Erschöpfung hinterher, wenn ich meine Grenze ignoriert habe. Aber deswegen jede Lautstärke vermeiden? Das bringt es auch nicht. Beide Einstellungen sind nicht hilfreich: die Herausforderung zu ignorieren („Ich muss das schaffen. Die anderen können das doch auch. Es ist mir egal was mein Körper dazu sagt.“) und jede Herausforderung pauschal abzulehnen („Ich bin hochsensibel, das kann ich nicht … ich probiere es gar nicht erst“). Es hilft viel mehr, 1. seine eigenen Grenzen anzuerkennen, und 2. kreative Lösungsstrategien dafür zu finden.

Zum Beispiel: Einmal wurde ich gefragt, ob ich zum Konzert von Band X mitkommen möchte. Im Nachhinein wurde das eine sehr schöne Erfahrung, quasi ein Muster-Beispiel. Was habe ich gemacht?

  • Erst einmal habe ich mir ein paar Lieder auf YouTube von dieser Band angehört, um zu schauen, wie ich die Musikrichtung finde (manche Musik fällt für mich unter die Kategorie „Lärm“, egal wie laut oder leise.)
  • Ich hätte mir Ohrstöpsel mitnehmen können, dabei habe ich nur bereits die Erfahrung gemacht, dass mir das nicht viel hilft: Ohrstöpsel können die Bässe (die ich besonders unangenehm finde) nicht wirklich dämpfen, weil man sie mit dem ganzen Körper spürt.
  • Darum habe ich mir eine Notfallstrategie zurecht gelegt: Wenn es mir zu laut wird, gehe ich einfach raus. (Es war ein Stehkonzert, von daher ging das problemlos). Dass ich mich nicht „zwang“, im Raum zu bleiben, hat mich schon so entspannt dass ich es deutlich länger aushalten konnte als ich es für mich eingeschätzt hätte … Und irgendwann bin ich dann tatsächlich raus gegangen, habe meine Ohren 5-10 Minuten entspannt, und bin dann wieder reingegangen.
  • Außerdem habe ich meine Freunde vorgewarnt, damit sie sich keine Sorgen machen müssen was los ist, ungefähr so: „Es könnte passieren dass es mir zu laut wird, dann gehe ich eine Weile raus.“
  • Dadurch, dass ich während dem Konzert mich immer wieder mal fragte, „Benjamin, wie geht es dir gerade?“, konnte ich schon rausgehen, bevor es überwältigend wurde für mich.
  • Ich hätte die Herausforderung, auf das Konzert zu gehen, auch ganz ablehnen können. Manchmal ist das sinnvoll (z.B. wenn du eh gerade noch in einigen anderen Bereichen herausgefordert bist). Aber grundsätzlich ist es gut, immer wieder mal etwas auszuprobieren – nur so kannst du dich und deine Grenzen besser kennenlernen. (Mehr dazu in Sich abgrenzen – ja, aber wie viel?)

Diese Art von Lösungsfindung funktioniert natürlich nur, wenn ich meine Grenzen kenne, wenn ich weiß, was für mich anstrengend ist. Das ist ein Prozess, sich selbst kennen zu lernen. (Dazu fand ich z.B. das Notizbuch Meine Happy-Listen ganz schön gemacht.)

Aber auch wenn man sich gut kennt läuft es nicht immer so glatt. Manchmal komme auch ich in Situationen, die mich ziemlich herausfordern oder auch überfordern – die man nicht so schön vorher planen konnte und im Stegreif fiel mir keine Strategie ein; oder ich war schon überreizt und merkte es viel zu spät; oder meine Bewältigungsstrategie funktionierte nicht. Das ist nervig, aber kein Weltuntergang … ich schalte dann einfach wieder in Entspannungsmodus (weißt du, was dir hilft, dich zu entspannen?), lasse meinen Ärger los, und werte ggf. hinterher aus, welche Handlungsmöglichkeiten ich gehabt hätte.

Dieses Gefühl „Mir wird das alles zu viel“ (wird übrigens auch „Stress“ genannt*) entsteht nämlich vor allem dann, wenn ich den Eindruck habe, „egal was ich mache, ich schaffe das nicht“. Darum ermutige ich mich immer wieder, und ich möchte auch dich ermutigen: Gib nicht auf. Probier weiter. Wenn du keine Ideen mehr hast, was du ausprobieren könntest, frag zum Beispiel Sabine Dinkel: Hochsensibel durch den Tag. Oder manchmal ist es auch sinnvoll, einen Freund, Seelsorger oder Psychotheraupeut um Rat zu fragen.

Vor allem: Gib nicht auf. Du bist nicht dafür geschaffen, ständig im Stress zu leben. Gott hat etwas Besseres für dich. Er findet dich wertvoll, mit all den special features die du hast. Selbst wenn du von dir selbst genervt bist, ist er weiter für dich da – wie ein Papa, der immer stolz auf dich sein wird. Und: Er hat Geduld. Du darfst Fehler machen. Du darfst dein Leben gestalten.

Ich habe ein Arbeitsblatt zur Selbst-Reflektion erstellt – Wie gehe ich mit Stress um? … vielleicht hilft es dir, diese Tipps auf dich selbst anzuwenden.

* Noch ein bisschen Theorie über Stress, falls es dich interessiert. Stress entsteht in drei (unterbewussten) Schritten:

  1. Die Reize der Umwelt werden gefiltert – nach dem Kriterium: ist es für mich relevant?
  2. Die Reize, die noch übrig sind, werden bewertet – sind sie gefährlich, bedroht mich das?
  3. Dann werden diese gefährlichen Reize mit den eigenen Ressourcen abgeglichen – ist das zu viel für mich?

Erst wenn alle drei Fragen mit Ja beantwortet wurden, ist es für uns dieses unangenehme Stress-Gefühl. Das bedeutet: Stress ist ein aktiver Prozess, der in unserem Inneren abläuft. Nicht „ich werde gestresst“, sondern eigentlich „ich stresse mich“. Weil die Reize erst durch meine Interpretation stressig werden – so beschreibt es zumindest Lazarus. In der Praxis würde ich da einige Einschränkungen machen:

  1. Du bist nicht pauschal daran schuld, dass du gestresst bist. Auch nicht die Anderen. Es geht hier nur darum, zu zeigen, dass es unterschiedliche Wege aus dem Stress heraus gibt: Change it – verändere die Situation (z.B. durch Kommunikation), Love it – verändere deine Haltung zu der Situation (oder die Ressourcen, die du für diese Situation hast), or leave it  – verlasse die Situation (auch das ist manchmal nötig).
  2. Jemand, der gerade in einer Depression/Schizophrenie/etc. ist, helfen Tipps wie in diesem Beitrag wahrscheinlich nicht, oder jedenfalls nicht alleine. I.d.R. muss auch mit Medikamenten die Filter der Wahrnehmung und die Bewertung wieder „normalisiert“ werden.
  3. Und ich würde auch nicht die Konsequenz ziehen, dass ich in jede beliebige Stresssituation hineingehen kann und mich einfach nicht mehr „stressen lasse“ – wenn ich am Rand einer Klippe stehe und ich unten meinen Freund rufen höre, die Situation „gefährlich“ bewerte und meine nicht allzu ausgeprägten Kletterkünste als „nicht ausreichende Ressource“ bewerte, kann ja auch lebensrettend wirken. Es gibt guten Stress!

Und wenn du noch mehr über Stress und Stressbewältigung lernen möchtest, empfehle ich diesen kostenlosen Online-Kurs – das paarlife Online-Training (da geht es insb. um die Bewältigung als Paar, aber die ersten Lektionen sind allgemein über Stress).

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Warum Hochsensible gut mit Krisen umgehen können

In meinen Seminaren und Gesprächen betone ich immer wieder, das Hochsensibel-Sein nicht nur anstrengend ist, sondern auch prima Stärken hat. Gerade auch beim Umgang mit Krisen.

In gewisser Weise mag ich Krisen: sie brechen Gewohnheiten auf, sie ermöglichen Veränderung. Denn Krisen sind wie Wegkreuzungen: Situationen, in der man entweder nach links oder nach rechts gehen kann, aber Veränderung kommt so oder so. Es gibt große und kleine Krisen, kurze und länger andauernde, mit wenigen oder vielen Betroffenen … und immer stellt die Krise an uns die Frage: „Rennst du vor dieser Herausforderung weg, oder entscheidest du dich aktiv, ob du nach links oder rechts gehen möchtest?“ Wenn du wegrennst, wird die Entscheidung sich irgendwann automatisch ergeben – und wahrscheinlich wird sich das für dich nicht gut anfühlen.

Stell dir vor, du bist der Kapitän in einem Boot, das in einen großen Sturm gerät. Die Krisen-Frage ist: wird das Boot den Sturm aushalten? Wenn du von Angst total überwältigt bist (Panik), wirst du dich vielleicht einfach in deine Kajüte flüchten und abwarten, bis der Sturm vorbei ist. Aber wenn du die entsprechenden Kompetenzen gelernt hast, kannst du ein paar Dinge tun, um das Risiko zu minimieren: das Segel einholen, den Anker auswerfen, das Funkgerät bereithalten, …

So ähnlich kann man lernen, gut mit Lebenskrisen umzugehen. Und dabei haben Hochsensible super Startbedingungen. Warum?

1) Empathie ist für sie normal

Unser Gehirn hat eine faszinierende Funktion: wenn wir jemandem zuschauen, der sich weh tut, werden fast die gleichen Neuronen aktiv wie wenn wir den Schmerz selbst erleben. Und gerade Hochsensible sind geübt darin, auch den Schmerz darin zu spüren: sie nehmen die schmerzhaften Emotionen des Anderen wahr, oder die Reibungspunkte, wo die andere Person irgendwie nicht ganz in die bestehende Struktur reinpassen, wo es „unstimmig“ ist. Das ist eine geniale Fähigkeit! Sie schlüpfen in die Rolle des Anderen und können aus ihrer Perspektive mit-denken. Dadurch beleuchten sie das Problem von vielen Seiten aus, bevor sie eine Entscheidung treffen. Gerade in Krisensituationen ist es so wichtig, dass die involvierten Menschen sich Zeit nehmen, zuzuhören, was der andere fühlt und will – da sind Hochsensible oft ein gutes Vorbild für andere.

2) Sie lernen gut durch Beobachten und Zuhören

Diese Gabe, die Dinge leicht aus der Perspektive des Anderen sehen zu können, hat noch einen anderen Vorteil: Sie beobachten nicht nur ganz genau, sie hören nicht nur ganz genau zu, sondern sie werden auch dadurch verändert. Zum Beispiel liebe ich es, gute Bücher zu lesen, in denen meine Lebens-Muskeln herausgefordert werden: was hätte ich an ihrer Stelle gemacht? Möchte ich diese Reaktion weiterhin beibehalten oder nicht? Das ersetzt die eigenen Erfahrungen nicht, aber es ist eine prima Übungsfeld. Auch in meinen Träumen verarbeite ich oft, welche Handlungsoptionen ich habe und was die Konsequenzen davon sein könnten. Dadurch können auch meine Gefühle schon einmal intensiv verarbeiten und damit neue Situationen vorbereiten.

3) Sie „wittern“ mögliche Krisen

Weil sie alle Informationen tief verarbeiten, haben sie manchmal intuitiv eine „Vorahnung“, dass da etwas Krisenhaftes kommen könnte – zu einem Zeitpunkt, wo andere noch völlig unbeschwert weitergehen. Dadurch können sie vorausdenken, vorsichtig kommunizieren und manchmal sogar schon Probleme lösen, die andere noch gar nicht als Problem erkannt haben.

Diese Gabe sorgt oft für Stress: beide Seiten fühlen sich unverstanden, weil sie die Situation unterschiedlich einschätzen und darum unterschiedliches Verhalten als angemessen sehen. Hier ist es also wichtig, dass sowohl die Hochsensiblen als auch die Nicht-Hochsensiblen vertrauen können: „Du siehst die Situation anders als ich – aber vielleicht hast du recht.“ Ganz praktisch: Wenn du offen ausgesprochen hast, was dir Sorgen macht, und der Verantwortliche dafür reagiert darauf nicht – dann versuche nicht, das „Ruder“ (die Leitungs-Verantwortung) an dich zu reißen. Wenn es dir wirklich wichtig ist, sprich es so oft an, bis der Verantwortliche vielleicht doch mal hinschaut, ob da was dran sein könnte. Ansonsten: lass es los – du hast deinen Teil getan.

4) Sie können unter Stress immer noch gute Entscheidungen treffen

Weil Hochsensible schneller überfordert sind von dem, was sie wahrnehmen, haben sie schon ihr Leben lang geübt, mit Stress-Situationen umzugehen. Natürlich, sie sind nicht perfekt darin, und es ist oft immer noch sehr anstrengend, aber bei Krisen ist genau diese Fähigkeit gefragt. Dadurch schaffen sie es, vor Panik den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern weiterhin aktiv das Leben zu gestalten. Andere erleben intensiven Stress vielleicht nur in ganz selten in ihrem Leben, und sind darum in dieser Extremsituation plötzlich komplett „blockiert“ – sie lenken von dem Problem ab oder machen irgend etwas, ohne darüber nachzudenken, ob das wirklich hilfreich ist.

Als ich diesen Aspekt in der Fachliteratur gelesen habe, konnte ich es erst selbst nicht glauben: Hochsensible als Stress-Experten? Aber inzwischen sind mir ein paar krasse Krisensituationen eingefallen, wo ich genau das erlebt habe: um mich herum ist geschäftige Panik ausgebrochen, aber ich konnte weiter das tun, was jetzt nötig und wichtig ist. Hinterher, nach der Krise, war es andersherum: um mich herum ist schon wieder Alltag eingekehrt, und ich war total platt, weil ich in der Krise alle Energiereserven aufgebraucht habe.

Damit Hochsensible in einer Krise gute Entscheidungen treffen können, müssen sie vor allem darauf achten, nicht selbst in Panik auszubrechen. Sie nehmen in diesen Situationen sehr viel wahr, was Angst oder Sorge auslösen könnte, vor allem wenn sie in der Vergangenheit ähnliche Erfahrungen mit negativen Ergebnissen gemacht haben. Also stellt sich die Frage: Was hilft dir, solche Gefühle immer wieder herunter zu regulieren, so wie man die Lautstärke niedriger einstellen kann? Dazu gibt es viele konkrete Strategien (z.B. Achtsamkeit, Emotionsregulation), die du ausprobieren und einüben kannst. Aber vor allem: Vergiss nicht, vor lauter Problem-Lösen auch deine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, und dir Zeiten zu gönnen, in denen du einfach das tun kannst, was dir gut tut. Ansonsten kannst du auch anderen nicht helfen.

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Vielleicht gibt es auch mehr als diese 4 Vorteile, die Hochsensible in einer Krise haben. Und gleichzeitig: Auch Nicht-Hochsensible haben natürlich wichtige Voraussetzungen, um Krisen gut zu bewältigen. Zum Beispiel ist es manchmal ist es Zeit, Dinge klipp und klar auszusprechen, ohne Subtilität und Komplexität – das können Nicht-Hochsensible meistens besser. Beide können Krisen gut bewältigen. Und beide können voneinander lernen: Nicht-Hochsensible können sich in Empathie üben und Hochsensible in klarer Ausdrucksweise. Trotzdem bleiben Herangehensweise und Charakter verschieden. Wie gut!

Jeder von uns kommt mit einem anderen Cocktail aus Stärken und Schwächen auf die Welt – das ist kein Zufall. Gott hat sich etwas dabei gedacht. Es gibt etwas, was du der Welt geben kannst, was niemand anders tun könnte. Und darum brauchen wir einander.

Mein Traum ist, dass wir Menschen so stark miteinander verbunden sind, dass es ganz natürlich ist, uns gegenseitig zu ergänzen. Wie kommen wir da hin? Der erste Schritt ist: Wertschätzung. Schätze deinen Wert hoch ein, und ebenso den Wert des Anderen. Dann können wir auch Krisen durchstehen. Und danach feiern, dass wir es geschafft haben. Gemeinsam.

Das Abenteuer ruft

BackpackingAuf geht’s, zum größten Abenteuer überhaupt. Du weißt nicht, wovon ich rede?

Ich meine nicht: einen Drachen zu bezwingen, neue Kulturen zu entdecken oder als Spion Dokumente zu entwenden. Das sind nur nette Fantasien einer Abenteuer-hungrigen Gesellschaft – die zwar Abenteuer will, aber solche, die nichts kosten. Sorry, das gibt es nicht.

Wenn ich mich in meiner Lebenswelt umgucke, sehe ich so manche echte Abenteuer: Kinder erziehen zum Beispiel. Was für ein Mut! Was für eine Geduld! Egal wie oft das Kind den Löffel runter wirft, wird Mama dem Kind nochmal erklären, dass der Teppich gerne auf diese unerwartete Begegnung verzichten würde – ok, vielleicht erklärt sie nicht nur mit Worten. Gibt es Momente, wo sich Eltern unglaublich reich belohnt fühlen? Oh ja! Und doch fühlt sich der Alltag oft zermürbend an. Gibt es Tage, an denen sie lieber keine Eltern wären? Definitiv! Und trotzdem denken sie gar nicht daran, aufzugeben.

In welchen Abenteuern steckst du gerade? Wofür würdest du kämpfen bis zu deinem letztem Atemzug?

Da gibt es noch ein riesiges Abenteuer: eine reife Persönlichkeit zu werden. Eine Person, die ihre Stärken und Schwächen kennt. Sie spürt ihre Bedürfnisse und spricht sie an. Sie gestaltet ihre Beziehungen und kommuniziert Wertschätzung. Sie wagt es, schnell zu vergeben und einen neuen Anfang zu wagen, und gibt Bitterkeit und Resignation kein Recht in ihrem Leben. Wenn diese Person Fehler macht, steht sie einfach wieder auf: mitten im Alltag behält sie ihr Ziel im Auge. Sie dient gerne und lässt es zu, dass andere ihr dienen. Wow, ein solcher Mann möchte ich werden.

Aber es gibt ein noch größeres Abenteuer. Noch größer? Ja, das Wichtigste im Leben. Der Sinn, der Anfang und das Ziel. Oh, warum plötzlich diese religiös-philosophische Sprache? Weil unsere Worte da an ihre Grenzen kommen. Du kannst dein ganzes Leben damit verbringen, dich vor diesem Abenteuer zu drücken – oder einfach den Rucksack auf den Rücken schwingen und aufbrechen. Wohin? Ins Unbekannte, so funktioniert eine Abenteuer-Reise nun mal. Sie wird dich alles kosten, dein ganzes Leben. Kinder erziehen, eine reife Persönlichkeit werden, … könnte ein Teil dieser größten Reise sein. Nur ein Teil. Wohin? Was lohnt sich so sehr, dass ich alles andere dafür aufgeben würde, wenn es sein muss?
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(Denke erst mal selbst nach: Was ist das größte Abenteuer? Welchen Schatz willst du entdecken, egal wie lange es dauert?)

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Hier ist meine Antwort. Das größte Abenteuer überhaupt: von ganzem Herzen zu lieben.

Zu lieben. Von ganzem Herzen.

Und damit meine ich alles, die Liebe zum Partner, die Liebe zu Kindern, die Liebe zu Freunden, die Liebe zu Fremden, die Liebe zu Feinden, die Liebe zu sich selbst, und die Liebe zu Gott.

Wie soll das gehen? Ganz ehrlich, manchmal bin ich da ziemlich ratlos. So lieben, wie Jesus geliebt hat?

Ja. Genau dafür habe ich ein Leben lang Zeit. Zum Üben.

Das Abenteuer ruft. Kommst du mit?

(Foto von Kate Brady, CC BY-NC-SA)

Tief-Gehen und Auftauchen

piano.svgAls ich letztens auf der Reise war, ent­deckte ich im Bahnhof Halle ein KlaWIR – ein Klavier mit der expliziten Auf­for­derung, dass jeder es spielen darf. Weil ich eine relativ lange Umsteigezeit hatte, setzte ich mich und improvisierte ein bisschen – ich liebe es, meine Gefühle über Musik zu verarbeiten. Und als ich aus meinen Träumereien wieder auftauchte (ich musste zum Zug) hatte sich um mich eine Menschen-Traube an Zuhörern gebildet, die mich erwartungsvoll ansahen – manche applaudierten, und ich zuckte mit meinen Schultern, „ich habe doch eigentlich nur für mich gespielt“ …

Als ich dann im Zug saß, kapierte ich: ich liebe es, tief zu gehen, in allem. Und indem ich tief gehe, lade ich automatisch andere ein, ebenfalls tiefer hineinzugehen – und über Klavier spielen und Geschichten schreiben habe ich eine Sprache gefunden, wo Fremde plötzlich zu Vertrauten werden können, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick. Ich bin ein Tiefgänger.

Deep processing – tiefe Verarbeitung, das ist der Kern der Gabe Hochsensibilität. Hochsensible können einfach gar nicht anders, als alles tief zu verarbeiten, manche bei Gefühlen, manche bei Hören, manche bei Konzepten … Und wenn sie lernen, das so zu verarbeiten, dass sie sich dabei nicht selbst überfordern, können sie die ganze Gruppe in eine tiefere Tiefe hinführen. Es lohnt sich. Der Prozess, etwas kreativ auszudrücken (egal wie) kann ein gutes „Überdruckventil“ sein, das Chaos innendrin zu benennen, zu verarbeiten und dadurch für sich selbst und eben auch für andere fruchtbar zu machen.

Die andere Seite der Medaille davon ist übrigens, dass viele Hochsensible small talk verabscheuen – „zu oberflächlich“. Aber: Tiefgehen hat seine Zeit, und auch Leichtigkeit hat seine Zeit. Beides kann dabei helfen, Vertrauen aufzubauen. Und damit letztlich die Welt zu verändern.

Wo kann ich mir Weisheit kaufen?

Einkaufswagen

Eines Tages ging Max Müller in einen Supermarkt und fragte:

* Ich würde gerne ein Kilogramm Weisheit kaufen. Wo finde ich sie?
– Ein Kilogramm? Das ist aber ziemlich viel. Mal sehen … Sie sind sicher, dass es Weisheit ist, was sie brauchen? Also ich würde ihnen hier diese Schokolade empfehlen, „Ewiges Glück“. Oder hier, ein Kalender: „In 10 Schritten zum Erfolg“. Wir hätten auch „Zeitsparer“, die sind in der Drogerieabteilung. Mögen Sie Tee? Dann ist „Ausgeglichenheit“ etwas für Sie. Außerdem, da hinten im Regal gibt es „Wissen“ in 10-Kilo-Säcken … Oder was halten Sie davon: „Reichtum“, das ist sogar gerade im Sonderangebot.
* Das klingt alles nicht schlecht, vielleicht nehm ich sogar ein bisschen davon, aber … wissen Sie, Weisheit, so echte Weisheit schmeckt einfach nochmal viel besser.
– Sie wollen also wirklich Weisheit? Hm … nein, die führen wir hier nicht. Fragen Sie doch mal drüben beim Gartenbau nach.

Und so ging er in den Gartenbaumarkt gegenüber und fragte wieder:

* Ich würde gerne ein Kilogramm Weisheit kaufen. Wo finde ich sie?
– Ein Kilogramm? Nein, das gibt es hier nicht. Weisheit muss man schon selbst ernten.
* Okay, haben Sie denn Pflanzen, bei denen ich Weisheit ernten kann?
– Sie tun so als wäre Weisheit wie Salat oder so … Nein. Weisheit können wir Ihnen nur in Samenform geben.
* (schluckt) Samen? Aber … das dauert ja dann total lange bis ich sie ernten kann!
(Grinst) Genau …
* (Max Müller schluckte noch einmal) Okay … dann hätte ich gerne ein Kit „Weisheit für Anfänger“.
– Kommen Sie mit … Hier, eine Tüte Weisheits-Samen. Die stecken Sie bei Ihnen in den Garten. Und dann täglich gießen.
* Und woran sehe ich, dass sie fertig sind? Wie sieht die Frucht aus?
– Ich denke, sie werden es dann schon spüren, dass es reif ist. Das ist das Besondere an Weisheit: das Aussehen der Früchte ist immer wieder anders, obwohl der Geschmack bleibt. Pflanzen Sie die Samen einfach ein, tun Sie was auf der Tüte steht, und mit viel Geduld …
* (Überfliegt die Anleitung) Aber, wo genau soll ich sie denn in den Garten einpflanzen? Sonne oder Schatten? Und wie viele Samen pro Quadrat-Zentimeter? Und …
– Das sind alles Fragen, die müssen Sie direkt an den Gärtner stellen. Wir können hier leider keine Individual-Beratung anbieten. Der Gärtner, von dem wir die Samen bekommen haben, wohnt direkt hier in der Straße, 2 Häuser weiter. Klingeln Sie da einfach mal …

Daraufhin verschwand der Verkäufer einfach, und Max Müller war wieder sich selbst überlassen. Er hatte zwar die Samen, aber immer noch keine Ahnung, was er mit ihnen machen sollte. Also folgte er zögerlich dem Rat des Verkäufers und klingelte beim Gärtner:

* Guten Tag … ähm … können Sie mir helfen, diese Weisheits-Samen zu pflanzen? Was muss ich dafür wissen?
– Wie schön, dass Sie gekommen sind! Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten? (Da blieb Max Müller der Mund offen. Und so redete der Gärtner einfach weiter:) Wirklich schön, dass Sie da sind. So viele versuchen es einfach so, dabei bin ich immer bereit, dem Antworten zu geben, der mich frägt. Am Besten, ich komme gleich mal mit zu Ihnen nach Hause, dann können wir uns das in Ruhe ansehen.
* Und … was kostet … dieser Service?
– Nichts. Jedenfalls kein Geld.
* Sondern?
– Naja, ich würde es nicht Preis nennen, aber wissen Sie, das Gärtnern macht irgendwie … süchtig. Ich liebe meinen Beruf, und wer auch immer Zeit mit mir verbringt, wird über kurz oder lang von dieser Leidenschaft angesteckt. Sie haben eine gute Entscheidung getroffen, als Sie nach Weisheit gefragt haben. Aber ich vermute, Sie merken schon – das war nur der erste Schritt … Ich kann Ihnen nicht einmal ansatzweise erläutern, welcher Weg noch vor Ihnen liegt. Einer Sache hingegen bin ich mir sicher: es lohnt sich. (Der Gärtner schaute Max Müller tief in die Augen.) Können Sie mir jetzt zeigen, wo Sie wohnen?

„He, ihr Durstigen alle,
kommt her zum Wasser!
Kommt her, auch wenn ihr kein Geld habt!
Kauft und esst!
Ja, kommt, kauft ohne Geld,
kauft Wein und Milch!
Es kostet nichts.“ (Jesaja 55,1)

(Photo von @elusive, Creative Commons BY-NC)

Kind sein erlaubt!

Kind auf Schaukel

„Papa, fang mich!“

Kinder haben eine erstaunliche Zuversicht. Ein naives Vertrauen: Papa ist für mich da. Wenn ich mir weh tue, tröstet er mich. Wenn ich keine Lösung habe, hilft er mir. Wenn ich mich selbst nicht verstehe: er versteht mich.

Und eine solche Beziehung will ich auch mit meinem Papa im Himmel haben. Natürlich wird die Naivität immer wieder erschüttert. Aber das Vertrauen bleibt: Egal was kommt, Gott ist für mich da.

Das ist das Evangelium: Wir dürfen Kinder sein. Einfach so. Papa kriegt das schon hin.

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There is a light that shines within me
There is a hope that burns inside me
Deep within my soul, my very existence, there is a being waiting to be freed:
A child who knows no fear, pain, or rejection

There is an emotion all-encompassing of excitement, enjoyfulness, gladness and love
The creative potential of laughter / and the undeniable power of an infant’s joy live inside me
Unmeasurable are my limits / for I call you Father
Unimaginable is my potential / for you have called me Son

There is someone inside me, waiting to be unleashed,
Whom you embrace, whom I long to be.

There is an all-consuming fire,
A light that permeates from my very being
You have unlocked me God
The doors you open no man can shut

I will praise you, God, for you are good
You have released me, God, with your love
You are everything

(Ian McIntosh, Album: Awakened, Adoration)

Da ist ein Licht, das in mir scheint
Da ist eine Hoffnung, die in mir brennt
Tief in meiner Seele, meiner Existenz, wartet ein Wesen darauf, befreit zu werden:
Ein Kind, das Angst, Schmerz oder Ablehnung nicht kennt

Da ist ein all-umspannendes Gefühl von Begeisterung, Genießen, Freude und Liebe
Das kreative Potential von Lachen / und die unbestreitbare Kraft von kindlicher Freude leben in mir
Unermesslich sind meine Grenzen / denn ich nenne dich Vater
Unvorstellbar ist mein Potential / denn du hast mich Sohn genannt

Da ist jemand in mir drin, das darauf wartet, entfesselt zu werden,
Jemand, den du umarmst; jemand, der ich so gerne sein möchte.

Da ist ein alles verzehrende Feuer,
Ein Licht das von meinem Inneren nach Außen strahlt
Du hast mich aufgesperrt,
Die Türen, die du öffnest, kann kein Mensch schließen

Ich preise dich, Gott, denn du bist gut
Du hast mich freigesetzt, Gott, mit deiner Liebe
Du bist Alles.

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Empfehlenswerte Bücher:

  • Mike Mason, The Mystery of Children (Leseprobe) – Mason erzählt viele Stories von seinen Kindern und was er daraus über Gott und Glauben lernen konnte.
  • Brennan Manning, Abba’s Child (dt. Kind in seinen Armen) – Manning veranschaulicht, was es bedeutet, aus dieser Identität als Kind Gottes heraus zu leben.

Photo von Nabok, CC BY-NC-SA

Sich abgrenzen – ja, aber wie viel?

In vielen Büchern über Hochsensibilität steht: lerne, dich – in gesunder Weise – abzugrenzen. Wahrscheinlich ist das eine Lebensaufgabe für alle Menschen, aber gerade für Hochsensible ist das wichtig.

Was ist die Folge, wenn man sich zu wenig – oder zu viel abgrenzt? Im Extrem-Fall: Burnout – oder ein Sich-Abschotten.

Manche grenzen sich überhaupt nicht ab, fühlen sich verantwortlich für alle Menschen, die sie sehen – und gerade Hochsensible sehen ziemlich viele leidende Menschen (empathisch Hochsensible) oder fehlerhafte Systeme (kognitiv Hochsensible) – und landen so irgendwann im Burnout. Für diese Menschen ist meine Botschaft: du bist nicht der Retter der Welt. Du kannst es nicht sein, und du musst es gar nicht sein. Lebe als Kind Gottes – ein Kind darf einfach zu Papa rennen, wenn es sich überfordert fühlt. Sein Traum, die ganze Welt zu einem Ort zu machen, an dem keine Traurigkeit, kein Schmerz mehr existiert – ist sein Traum. Du bist ein kleines Puzzle-Teil davon. Nicht jedes ungestilltes Bedürfnis, das du siehst, ist (s)ein Auftrag an dich, eine Lösung dafür zu finden.

Dann gibt es auch das andere Extrem (auch bei Hochsensiblen). Manche grenzen sich so stark ab, dass es wie eine undurchdringliche Mauer zwischen ihnen und der Umwelt wird: „Nein, das mache ich nicht, das kann ich nicht, ich muss mich um mich selbst kümmern.“ Diesen Menschen möchte ich sagen: wenn du eine Mauer baust, wird es irgendwann ziemlich langweilig, einsam werden. Ja, du kannst dir eine Mauer bauen, aber eine solche Mauer funktioniert immer in beide Richtungen: du willst keinen reinlassen, und du willst nicht rausgehen. Ich würde behaupten: Es gibt kein Lebensglück ohne das Risiko, verletzt zu werden (vgl. Brené Brown – The power of vulnerability – mit dt. Untertitel). Weil Gott die Menschen nicht als Einzelkämpfer geschaffen hat, sondern ihnen einen tiefen Durst nach Liebe und Annahme gegeben hat.

Ich gebe zu: Beides sind Extreme. Aber beide Tendenzen entdecke ich in meiner Lebensgeschichte. Darum habe ich mich auf die Suche gemacht: Wie kann ich ein gesundes Maß an Abgrenzung finden? Und dabei habe ich gelernt, beide Seiten auch wertzuschätzen.

Denn positiv formuliert: die Menschen, die sich nicht abgrenzen, gehen extrem viele Herausforderungen an. Sie probieren neue Dinge aus, und das obwohl sie wissen, dass es anstrengend wird. Oder versuchen es noch einmal, die Situation zu verbessern, obwohl sie schon 9mal gescheitert sind. Ich bewundere diese Motivation! (Das ist nicht ironisch gemeint. Aber dieses Maß an Motivation ist gleichzeitig auch gefährlich: Burnout-Gefahr entsteht nicht primär aus dem „Zuviel“ von außen, sondern aus dem „Ich muss das aber schaffen“ von innen.)

Und die anderen Menschen, die sich sehr stark abgrenzen: sie wissen, wo ihre Grenzen sind. Sie haben ihre Grenzen akzeptiert: „Ja, das kann ich nicht so gut wie andere.“, und daraus persönliche Konsequenzen gezogen: „Das sollen lieber andere machen.“ Was für eine Weisheit! (Das kann aber nicht 100% verhindern, dass auch innerhalb ihrer Grenzen etwas schief geht. Und dann sind diese Menschen in Gefahr, auch dort ihre Grenzen enger zu stecken – und dadurch ihren Lebens-Raum weiter zu verkleinern.)

Die große Frage ist jetzt: Wie viel Abgrenzung ist gesund? Was ist der Maßstab?

Die Bibel sagt (in meine Sprache ausgedrückt): „Liebe Gott (volle Kanne!) und die Menschen um dich herum wie dich selbst.“ (Lukas 10,27). Was bedeutet das für Abgrenzung? Viele Christen betonen die ersten zwei Drittel und sagen sich: Ich soll lieben, wie Gott es getan hat, nämlich volle Kanne und egal wie viel es kostet. Ihr Ziel ist die bedingungslose Hingabe an Gott und den Anderen. Und das ist richtig, aber nur ein Aspekt von dem, wie Gott liebt. Jesus, das große Vorbild, hat sein Alles gegeben – aber er kannte auch sich und seine Grenzen. Kennst du den Jesus, der trauert, weil sein Freund gestorben ist (Matthäus 14,13; Johannes 11,35)? Kennst du den Jesus, der um Hilfe bittet, weil er Angst hat vor dem, was ihm bevorsteht (Matthäus 26,36-38)? Jesus, der heftige Worte benutzt, weil ein Freund ihm ein verlockendes Angebot macht – und ihn damit in Versuchung führt (Markus 8,33; vgl. Hebräer 4,15)? Wenn Jesus schon nicht immer souverän „ständig geben“ konnte, haben wir … keine Chance. Liebe bedeutet auch, Liebe annehmen zu können, seine eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen.

Und tatsächlich, Gott ermutigt in der Bibel nicht nur dazu, Neues auszuprobieren und Altes zu lassen, sondern auch, seine eigenen Grenzen zu akzeptieren.

Einerseits macht er immer wieder deutlich: „Du bist wertvoll, so wie du bist.“ Es gibt keine Bedingung. Du musst nichts können, nichts vorweisen, nicht von der richtigen Linie abstammen, oder sonst irgendwas: du bist ein Mensch, ein geliebter Mensch, sein geliebter Mensch. Und darum dürfen alle deine Schwächen und Herausforderungen benannt werden als das, was sie sind: Menschlich. (Manchmal, wenn ich einen Fehler gemacht habe, beruhige ich mich: „Ja, stimmt, das ist Benjamin. Das ist ok.“) Weil Gott dich bedingungslos annimmt, darfst du lernen, dich selbst bedingungslos anzunehmen. Sozusagen, dich aus seinen Augen sehen.

Andererseits sagt er aber auch immer wieder: „Ich möchte dich in eine viel größere Freiheit führen als das, was du bisher kennst.“ Gott liebt es, unsere Ketten zu sprengen: das können Gewohnheiten sein, die uns zerstören; Dinge in uns, bei denen wir keine Veränderung mehr erwarten; oder die Haltung zu denken: „Ich weiß eh schon, wer Gott ist, was er tun wird und was nicht“, usw. Er bringt Hoffnung in verfahrene Situationen und macht Unmögliches möglich. Und Gott hat diese Veränderung schon für dich vorbereitet. Es ist wie beim Auszug aus Ägypten: Gott eröffnet einen Weg, wo es keinen Ausweg gibt. Und unsere Aufgabe ist es, diesen Weg zu gehen (Epheser 2,8-10). Das geschieht oft mitten im Alltag: ein Schritt nach dem anderen in die Richtung, in die uns das Vertrauen führt. So können wir an den Herausforderungen des Alltags wachsen – mit ihm zusammen.

Genau das ist der Kern von gesunder Abgrenzung: Wenn du in dem Bewusstsein l(i)ebst, dass du bedingungslos geliebt bist – dann geht es gar nicht mehr primär um dich, auch nicht bei Abgrenzung. Wenn du wüsstest, wie unglaublich wertvoll du bist, müsstest du dich nicht mehr auf Machtkämpfe einlassen – weil du auf Gott vertraust. Abgrenzung ist dann einfach nur noch ein Mittel, damit das, was Gott will, immer mehr wachsen kann.

Der Maßstab ist also Gottes Liebe: Wenn du es aus Liebe zu Gott getan hast, dann war es richtig. Wenn du es aus dem Bewusstsein, von Gott bedingungslos geliebt zu sein, getan hast, dann war es richtig.

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Soweit die Theorie. Ich weiß, in der Praxis ist das oft schwer zu entscheiden. Und manchmal wirst du dich ein bisschen zu stark abgrenzen, oder ein bisschen zu wenig – aber solange du dich von Gott und Mitmenschen korrigieren lässt, ist das gar kein Problem.

Denn das Leben ist keine mathematische Gleichung, bei der es für eine konkrete Situation genau eine konkrete Lösung gibt. Das Leben ist eher wie ein Tanz: links, rechts, Hauptsache: gemeinsam. Und wenn man aus dem Takt gerät: tja, ist doof, aber einfach weitermachen. Dafür gibt es Vergebung und Neu-Anfang.

Zu diesem Artikel gibt es ein Arbeitsblatt mit Fragen zur Selbstreflexion: Arbeitsblätter

(Photo Asche – von David Allen, CC BY-NC-SA)

Das zerbrochene Gefäß

Kintugi - Zerbrochenes wurde wieder heil

Zerbrochen.
Zersplittert in tausend Einzelteile.
Das lebendige Nass versickert,
nur kleine Reste bleiben auf den Scherben
und warten darauf, von der Sonne aufgeleckt zu werden.
Warum? Wie kam es dazu?
Wie kann es sein, meine Berufung ist doch, Dinge in mich aufzunehmen
und an andere zu verteilen? Wie soll das gehen?
Es tut so weh.

Warten.
Man sagt, Gott kommt niemals zu spät.
Das mag sein. Wo ist er denn jetzt?
Hätte er diesen Zerbruch verhindern können?
Man sagt, er ist gut, er weiß schon was er tut.
Das mag sein. Aber ich sehe keine Güte.
Gott, kannst du nicht Strg+Z drücken?
Es ist, wie es ist.

Erwarten.
In mir keimt etwas.
Hoffnung?
Gott hat versprochen, immer bei mir zu sein.
Er hat versprochen, für mich zu kämpfen.
Ich sehe nichts davon, aber er ist da.
Vielleicht ist es das, was ich lernen soll?

Aufatmen.
Der Schmerz lässt nach.
Ohne dass ich es bemerkt hätte,
ist einiges wieder zusammengewachsen, was zusammen gehört.
Als hätte ein Töpfer tatsächlich
die Scherben wie Puzzle-Teile wieder zusammengefügt.
Und wenn ich es berühre, merke ich: es hält.
Sogar besser als vorher.
Aber: die Verheißung steht noch aus.

Wie oft bin ich diesen Prozess gegangen.
Wie oft ist Gott mit mir diesen Prozess gegangen.
Ist er schön?
Nein. Er ist anstrengend.
Aber vielleicht ist er lebens-notwendig.
Ohne Schmerzen gibt es kein Wachstum.
Ohne Verwundbarkeit gibt es keine Liebe.

Meine Narben erzählen von deiner Güte.

“To love at all is to be vulnerable. Love anything and your heart will be wrung and possibly broken. If you want to make sure of keeping it intact you must give it to no one, not even an animal. Wrap it carefully round with hobbies and little luxuries; avoid all entanglements. Lock it up safe in the casket or coffin of your selfishness. But in that casket, safe, dark, motionless, airless, it will change. It will not be broken; it will become unbreakable, impenetrable, irredeemable. To love is to be vulnerable.
― C.S. Lewis: The Four Loves (dt. Was man Liebe nennt)

Lieben – egal auf welche Art – heißt verletzlich sein. Liebe irgend etwas, und es wird dir bestimmt zu Herzen gehen, oder gar das Herz brechen. Wenn du ganz sicher sein willst, daß deinem Herzen nichts zustößt, dann darfst du es nie verschenken, nicht einmal einem Tier. Umgib es sorgfältig mit Hobbies und kleinen Genüssen; meide alle Verwicklungen; verschließe es sicher im Schrein oder Sarg deiner Selbstsucht. Aber in diesem Schrein – sicher, dunkel, reglos, luftlos – verändert es sich. Es bricht nicht; es wird unzerbrechlich, undurchdringlich, unerlösbar. Lieben heißt verletzlich sein.

(Photo: Kintugi von Haragayato CC BY-SA 4.0 )