Tief-Gehen und Auftauchen

piano.svgAls ich letztens auf der Reise war, ent­deckte ich im Bahnhof Halle ein KlaWIR – ein Klavier mit der expliziten Auf­for­derung, dass jeder es spielen darf. Weil ich eine relativ lange Umsteigezeit hatte, setzte ich mich und improvisierte ein bisschen – ich liebe es, meine Gefühle über Musik zu verarbeiten. Und als ich aus meinen Träumereien wieder auftauchte (ich musste zum Zug) hatte sich um mich eine Menschen-Traube an Zuhörern gebildet, die mich erwartungsvoll ansahen – manche applaudierten, und ich zuckte mit meinen Schultern, „ich habe doch eigentlich nur für mich gespielt“ …

Als ich dann im Zug saß, kapierte ich: ich liebe es, tief zu gehen, in allem. Und indem ich tief gehe, lade ich automatisch andere ein, ebenfalls tiefer hineinzugehen – und über Klavier spielen und Geschichten schreiben habe ich eine Sprache gefunden, wo Fremde plötzlich zu Vertrauten werden können, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick. Ich bin ein Tiefgänger.

Deep processing – tiefe Verarbeitung, das ist der Kern der Gabe Hochsensibilität. Hochsensible können einfach gar nicht anders, als alles tief zu verarbeiten, manche bei Gefühlen, manche bei Hören, manche bei Konzepten … Und wenn sie lernen, das so zu verarbeiten, dass sie sich dabei nicht selbst überfordern, können sie die ganze Gruppe in eine tiefere Tiefe hinführen. Es lohnt sich. Der Prozess, etwas kreativ auszudrücken (egal wie) kann ein gutes „Überdruckventil“ sein, das Chaos innendrin zu benennen, zu verarbeiten und dadurch für sich selbst und eben auch für andere fruchtbar zu machen.

Die andere Seite der Medaille davon ist übrigens, dass viele Hochsensible small talk verabscheuen – „zu oberflächlich“. Aber: Tiefgehen hat seine Zeit, und auch Leichtigkeit hat seine Zeit. Beides kann dabei helfen, Vertrauen aufzubauen. Und damit letztlich die Welt zu verändern.

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