Meine Grenzen kreativ gestalten

Erst einmal: Wenn du dir dieses Bild ansiehst, welche Gefühle löst es in dir aus?

Also in mir löst dieses Bild Unruhe aus, Überforderung, „irgendwie ist das alles ziemlich viel“. Dabei sind das alles schöne Werkzeuge! Wenn ich mir vorstelle, ich brauche gerade ein bestimmtes Werkzeug und müsste es in diesem Chaos finden … brrrr. Da wünschte ich mir lieber so etwas:

Schön sortiert, und alles schon für die Benutzung vorbereitet. Leider sieht es in meinem Herzen recht oft so chaotisch wie in dem oberen Bild aus, und das Bild darunter bleibt meine Wunschvorstellung. Darum frage ich mich: Wie kann ich mein Leben entspannter leben? Wie kann ich im Alltag verhindern, dass mir alles zu viel wird?

Bei den Werkzeugen würde man anfangen, 1. sich ein System auszudenken, und 2. sich ein Möbelstück zu kaufen oder bauen, um dieses System umzusetzen. Bei den Prozessen in unseren Herzen wäre das Äquivalent: 1. sich selbst kennenlernen (Was ist denn eigentlich gerade in meinem Herzen? Was brauche ich?) und 2. sein Verhalten entsprechend anpassen (Wie kann ich dieses Bedürfniss berücksichtigen?). In der Theorie ganz einfach. Aber wie geht das praktisch?

Dazu (m)ein Beispiel. Über die Zeit habe ich festgestellt: Ich bin sehr geräuschsensibel. Musik kann ich intensiv genießen, aber Lärm „macht mich fertig“. Hier komme ich immer wieder an meine Grenze, oder spüre die Erschöpfung hinterher, wenn ich meine Grenze ignoriert habe. Aber deswegen jede Lautstärke vermeiden? Das bringt es auch nicht. Beide Einstellungen sind nicht hilfreich: die Herausforderung zu ignorieren („Ich muss das schaffen. Die anderen können das doch auch. Es ist mir egal was mein Körper dazu sagt.“) und jede Herausforderung pauschal abzulehnen („Ich bin hochsensibel, das kann ich nicht … ich probiere es gar nicht erst“). Es hilft viel mehr, 1. seine eigenen Grenzen anzuerkennen, und 2. kreative Lösungsstrategien dafür zu finden.

Zum Beispiel: Einmal wurde ich gefragt, ob ich zum Konzert von Band X mitkommen möchte. Im Nachhinein wurde das eine sehr schöne Erfahrung, quasi ein Muster-Beispiel. Was habe ich gemacht?

  • Erst einmal habe ich mir ein paar Lieder auf YouTube von dieser Band angehört, um zu schauen, wie ich die Musikrichtung finde (manche Musik fällt für mich unter die Kategorie „Lärm“, egal wie laut oder leise.)
  • Ich hätte mir Ohrstöpsel mitnehmen können, dabei habe ich nur bereits die Erfahrung gemacht, dass mir das nicht viel hilft: Ohrstöpsel können die Bässe (die ich besonders unangenehm finde) nicht wirklich dämpfen, weil man sie mit dem ganzen Körper spürt.
  • Darum habe ich mir eine Notfallstrategie zurecht gelegt: Wenn es mir zu laut wird, gehe ich einfach raus. (Es war ein Stehkonzert, von daher ging das problemlos). Dass ich mich nicht „zwang“, im Raum zu bleiben, hat mich schon so entspannt dass ich es deutlich länger aushalten konnte als ich es für mich eingeschätzt hätte … Und irgendwann bin ich dann tatsächlich raus gegangen, habe meine Ohren 5-10 Minuten entspannt, und bin dann wieder reingegangen.
  • Außerdem habe ich meine Freunde vorgewarnt, damit sie sich keine Sorgen machen müssen was los ist, ungefähr so: „Es könnte passieren dass es mir zu laut wird, dann gehe ich eine Weile raus.“
  • Dadurch, dass ich während dem Konzert mich immer wieder mal fragte, „Benjamin, wie geht es dir gerade?“, konnte ich schon rausgehen, bevor es überwältigend wurde für mich.
  • Ich hätte die Herausforderung, auf das Konzert zu gehen, auch ganz ablehnen können. Manchmal ist das sinnvoll (z.B. wenn du eh gerade noch in einigen anderen Bereichen herausgefordert bist). Aber grundsätzlich ist es gut, immer wieder mal etwas auszuprobieren – nur so kannst du dich und deine Grenzen besser kennenlernen. (Mehr dazu in Sich abgrenzen – ja, aber wie viel?)

Diese Art von Lösungsfindung funktioniert natürlich nur, wenn ich meine Grenzen kenne, wenn ich weiß, was für mich anstrengend ist. Das ist ein Prozess, sich selbst kennen zu lernen. (Dazu fand ich z.B. das Notizbuch Meine Happy-Listen ganz schön gemacht.)

Aber auch wenn man sich gut kennt läuft es nicht immer so glatt. Manchmal komme auch ich in Situationen, die mich ziemlich herausfordern oder auch überfordern – die man nicht so schön vorher planen konnte und im Stegreif fiel mir keine Strategie ein; oder ich war schon überreizt und merkte es viel zu spät; oder meine Bewältigungsstrategie funktionierte nicht. Das ist nervig, aber kein Weltuntergang … ich schalte dann einfach wieder in Entspannungsmodus (weißt du, was dir hilft, dich zu entspannen?), lasse meinen Ärger los, und werte ggf. hinterher aus, welche Handlungsmöglichkeiten ich gehabt hätte.

Dieses Gefühl „Mir wird das alles zu viel“ (wird übrigens auch „Stress“ genannt*) entsteht nämlich vor allem dann, wenn ich den Eindruck habe, „egal was ich mache, ich schaffe das nicht“. Darum ermutige ich mich immer wieder, und ich möchte auch dich ermutigen: Gib nicht auf. Probier weiter. Wenn du keine Ideen mehr hast, was du ausprobieren könntest, frag zum Beispiel Sabine Dinkel: Hochsensibel durch den Tag. Oder manchmal ist es auch sinnvoll, einen Freund, Seelsorger oder Psychotheraupeut um Rat zu fragen.

Vor allem: Gib nicht auf. Du bist nicht dafür geschaffen, ständig im Stress zu leben. Gott hat etwas Besseres für dich. Er findet dich wertvoll, mit all den special features die du hast. Selbst wenn du von dir selbst genervt bist, ist er weiter für dich da – wie ein Papa, der immer stolz auf dich sein wird. Und: Er hat Geduld. Du darfst Fehler machen. Du darfst dein Leben gestalten.

Ich habe ein Arbeitsblatt zur Selbst-Reflektion erstellt – Wie gehe ich mit Stress um? … vielleicht hilft es dir, diese Tipps auf dich selbst anzuwenden.

* Noch ein bisschen Theorie über Stress, falls es dich interessiert. Stress entsteht in drei (unterbewussten) Schritten:

  1. Die Reize der Umwelt werden gefiltert – nach dem Kriterium: ist es für mich relevant?
  2. Die Reize, die noch übrig sind, werden bewertet – sind sie gefährlich, bedroht mich das?
  3. Dann werden diese gefährlichen Reize mit den eigenen Ressourcen abgeglichen – ist das zu viel für mich?

Erst wenn alle drei Fragen mit Ja beantwortet wurden, ist es für uns dieses unangenehme Stress-Gefühl. Das bedeutet: Stress ist ein aktiver Prozess, der in unserem Inneren abläuft. Nicht „ich werde gestresst“, sondern eigentlich „ich stresse mich“. Weil die Reize erst durch meine Interpretation stressig werden – so beschreibt es zumindest Lazarus. In der Praxis würde ich da einige Einschränkungen machen:

  1. Du bist nicht pauschal daran schuld, dass du gestresst bist. Auch nicht die Anderen. Es geht hier nur darum, zu zeigen, dass es unterschiedliche Wege aus dem Stress heraus gibt: Change it – verändere die Situation (z.B. durch Kommunikation), Love it – verändere deine Haltung zu der Situation (oder die Ressourcen, die du für diese Situation hast), or leave it  – verlasse die Situation (auch das ist manchmal nötig).
  2. Jemand, der gerade in einer Depression/Schizophrenie/etc. ist, helfen Tipps wie in diesem Beitrag wahrscheinlich nicht, oder jedenfalls nicht alleine. I.d.R. muss auch mit Medikamenten die Filter der Wahrnehmung und die Bewertung wieder „normalisiert“ werden.
  3. Und ich würde auch nicht die Konsequenz ziehen, dass ich in jede beliebige Stresssituation hineingehen kann und mich einfach nicht mehr „stressen lasse“ – wenn ich am Rand einer Klippe stehe und ich unten meinen Freund rufen höre, die Situation „gefährlich“ bewerte und meine nicht allzu ausgeprägten Kletterkünste als „nicht ausreichende Ressource“ bewerte, kann ja auch lebensrettend wirken. Es gibt guten Stress!

Und wenn du noch mehr über Stress und Stressbewältigung lernen möchtest, empfehle ich diesen kostenlosen Online-Kurs – das paarlife Online-Training (da geht es insb. um die Bewältigung als Paar, aber die ersten Lektionen sind allgemein über Stress).

Photo 1 by Ashim D’Silva on Unsplash
Photo 2 by Barn Images on Unsplash

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