Unterwegs wie Schafe

Eines Tages hatte ich Anne bei mir zu Besuch, und gerade als wir uns auf den Weg zum Bahnhof machen, drehte sie nochmal um, denn sie hatte etwas vergessen. In der Eile bemerkte sie nicht, dass sie auf den falschen Hauseingang zulief. Ich rief ihr zu und deutete auf meine Haustüre, sie nickte, und ging schnellen Schrittes – diesmal eine Tür zu weit. Wieder korrigierte ich sie, und als wir schließlich unseren ursprünglichen Weg fortsetzen können, sage ich: „‚Meine Schafe hören meine Stimme‘, kennst du das nicht?“ Sie nickt, verwirrt, „was meinst du damit?“ Mein Kopf dreht sich demonstrativ zur Tür. Sie protestiert: „Das ist gemein. Natürlich weißt du besser als ich, wo deine Haustür ist.“ – „Eben. Ich bin schon so oft die Tür rein und raus gegangen, ich bleib automatisch bei der richtigen Tür stehen. So wie die Schafe, die die Stimme ihres Hirten erkennen, weil er ständig mit ihnen geredet hat.“ – „Wir kennen das, was wir gewohnt sind. Aber kenne ich wirklich die Stimme von Gott? Ich meine, so oft redet er auch nicht mir mir.“

Schweigend gehen wir weiter. Ein Vogel zwitschert unbekümmert, und nachdenklich antworte ich:
„Es heißt nicht, ‚Meine Schafe hören meine Worte‘, Schafe sind zu dumm um die Sprache des Hirten zu verstehen. Aber sie verstehen intuitiv, ob seine Stimme Gefahr oder Friede, Aufbruch oder Ruhe ausdrückt.“ – „Na toll. Natürlich habe ich manchmal eine leise Ahnung, was Gott von mir will. Aber woher weiß ich, dass es Gott ist?“ – „Heißt Glauben nicht immer auch Vertrauen?“

Nun ist sie es, die eine Denkpause einlegt. Sie kickt eine herumliegende Blechbüchse ins Gebüsch und antwortet frustriert: „Ich will aber nicht. Kann Gott sich nicht ein wenig klarer ausdrücken?! Ich meine, es ist doch in seinem Interesse: ich will Entscheidungen treffen, die ihn ehren. Und letztlich weiß ich doch nicht, wohin welcher Weg führen wird.“ – „Ach ja, immer unser Wahn, wir müssten doch auch allmächtig und allwissend sein. Oder zumindest … ein bisschen. Nein, der Hirte weiß den Weg, und wir folgen ihm, weil wir seine Stimme erkennen. Ich glaube, er redet dir gerade beruhigend zu: ‚komm, hier entlang, ein Schritt nach dem anderen, ich werde dich leiten.'“ – „Ich fühle mich wie auf einem Felsgrat: das Leben ist so gefährlich! Ein Schritt ins Leere und … ich stürze ab.“ – „Und dann? Selbst dann würde der Hirte dich wieder suchen, dich gesund pflegen, und den Weg mit dir fortsetzen. Das Wichtige ist, dass wir unserem Hirten nicht davon laufen.“ – „Aber ich will doch Jesus nachfolgen, das Ding ist nur, dass das so oft im Alltag untergeht. Ist Faulheit auch Ungehorsam?“

Am Wegrand liegen die Plastik-Reste eines Schokoriegels, ich hebe sie auf und halte sie ihr hin. „Meinst du wirklich, jemand hat den Müll mit dem bewussten Ziel dort hingeworfen, die Landschaft zu verunstalten? Wahrscheinlich war es eher Gleichgültigkeit: ‚das eine Mal wird das schon in Ordnung sein‘. Was meinst du, ist das Sünde?“ – „Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Es ist respektlos und unhöflich, aber ob das auch was mit Gott zu tun hat …“ – „Mehr als du denkst“, sagte ich und warf die Verpackung in den Mülleimer, an dem wir gerade vorbei kamen.

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I have heard so many songs,
Listened to a thousand tongues,
But there is one that sounds above them all.
(Matt Redman: „The Father’s Song“)

Unsterblich sein (2)

„Mama, warum müssen manche Menschen sterben?“ Tom ist mit seiner Familie ins Krankenhaus gefahren, dort, wo Opa liegt. Dieser fühlte sich angesprochen: „Wer hat gesagt, dass ich sterben muss?“ – „Naja, Mama hat das vorhin im Auto gesagt.“ – „Na dann, richte ihr aus“, und Opa zwinkerte ihr zu, „dass sie zwar einerseits Recht hat, aber andererseits auch nicht. Irgendwie bin ich unsterblich.“ – „Opa, du bist komisch. Was soll denn das schon wieder heißen?“ Da schritt seine Mutter ein: „Jetzt lass doch mal den Opa in Frieden, siehst du nicht, wie anstrengend es für ihn ist, zu reden?“ Opa wehrte mit den Händen ab.

„Ich meine“, fuhr er fort, und Tom fiel auf, dass seine Stimme tatsächlich zitterte, „dass ich zwar bald verschwinden werde, aber meine Träume werden weiterleben…“ – „Was für Träume?“ – „Träume … von unberührter Natur, gerechter Geldverteilung, Großzügigkeit, Kreativität … Dinge, für die ich mein Leben eingesetzt habe, sie werden in euch weiterleben, selbst wenn ich sterbe. Das ist mein Erbe, an euch.“

„Mama, was ist ein Erbe?“ – „Ein Erbe ist so etwas wie ein Geschenk, von jemanden, der stirbt.“ – „Opa stirbt also wirklich?“ Toms Mutter sah ihn an und nahm ihn in den Arm. „Weißt du noch, die rote Blume im Garten?“ Natürlich erinnerte er sich an sie, er hatte sie jeden Tag nachgemessen! „Sie ist gewachsen, hatte eine wunderschöne Blüte, und ist dann verwelkt. Die Blume musste sterben. Das gehört dazu …“ – „Und es gehört auch dazu“, Tom drehte sich zu Opa um, „dass die Blume weiterlebt, obwohl sie gestorben ist: die kleinen Samen, die sie ausgestreut hat, warten nun im Boden auf den nächsten Frühling, und dann kommen gleich drei rote Blumen raus, oder vielleicht noch mehr.“

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Einige Wochen darauf starb Opa. Tom war traurig, und besuchte immer wieder die Stelle, an der die rote Blume stand. Da kam ihm eine Idee: Wenn da wirklich Samen sind, dann brauchen sie doch Wasser! Schnell holte er die Gießkanne und sah am nächsten Morgen wieder nach: leider immer noch keine neuen Blumen. „Ach Tom“, sagte seine Mutter, die ihn beobachtet hatte, „Opa hatte doch gesagt, im Frühling.“ – „Aber vielleicht wachsen sie schneller, wenn ich sie gieße?“ – „Gieß’ sie ruhig jeden Tag ein bisschen, aber die Samen haben so etwas wie eine Uhr in sich: irgendwann, wenn ihr Zeiger auf 12 steht, dann sprießen sie auf.“ Und so nahm er sich vor, sich um die Samen zu kümmern, und er dachte: „Ich will auch so werden wie Opa, eines Tages.“

Ausflug in die Freiheit

„Papa, was ist eigentlich Freiheit?“ Maxi saß in seinem Nest, und Papa Vogel machte große Augen: „Woher kennst du denn dieses Wort?“
– „Ich weiß nicht, ihr benutzt das doch ständig.“
– „Freiheit ist schwierig zu erklären, das muss man erleben.“
– „Ja Papa, ich weiß, das sagst du immer. Bücher lesen ist aber gemütlicher. Gibt es keine Geschichten über Freiheit?“
– „Hm. Freiheit beginnt dort, wo man sich von seinem Komfort verabschiedet.“

Und plötzlich fiel Maxi aus dem Nest. Er sah Papa schmunzeln – hatte er ihn rausgestoßen, wirklich? – doch da wurde Maxi in seinen Gedanken unterbrochen: „du musst flattern!“ Flattern, äh, also, Flügel ausklappen und – wie ging das nochmal? Ich hab das noch nie gemacht, ich krieg das nicht hin! Da sah er Papa Vogel neben sich, er ist da. Also nochmal: Flügel bewegen – „gut machst du das, weiter so!“ – ist das schon Fliegen? „Immer weiter flattern.“ ‚Ach‘, dachte er und schloss die Augen, ‚ich werde es einfach probieren. Entweder ich falle, und Papa fängt mich auf – oder, vielleicht, trägt mich die Luft ja doch?‘ Ob das Freiheit ist: Vertrauen auf den, der mich lieb hat?

Unsterblich sein

An dem Tag, an dem ich sterben sollte, sagte ich zu meinen Enkeln: „Einen Wunsch habe ich noch.“ Und als ob ihre Aufmerksamkeit nicht schon lange meiner Worte gelten würde, wartete ich, und Knistern erfüllte die Stille. Meine Schwester wurde ungeduldig: „Ja, was denn?“ Die Anderen sahen sie böse an, wanden sich aber wieder mir zu. „Unsterblich sein…“, hauchte ich.

„Jetzt ist mein Opa total durchgedreht…“ Tom war nicht der Einzige, der so dachte. Aber nur er war naiv genug, um es auszusprechen: „Na und? Das geht doch gar nicht.“ – „Aber nein, Tom, zerstöre nicht meine Hoffnung. Und 1000 Jahre alt will ich gar nicht werden. Aber 100 … nein Quatsch. Ich möchte, dass … kann mir jemand ein Taschentuch geben? Danke.“ Tränen kamen in meine Augen, ein letztes Mal. „Ich wünsche mir, dass meine Träume in anderen weiterleben, weil sie angesteckt wurden, infiziert, krank, verrückt. Träume, die von Gott sind, sterben nie. Sie schlafen ein, so wie ich bald einschlafen werde, aber das ist nicht das Ende. Ich will unsterblich sein.“ Und ich schloss meine Augen.

Die Anwesenden sahen sich beängstigt an: er wird tatsächlich sterben? Als ob ich ihre Gedanken gehört und ihre Blicke gesehen hätte, murmelte ich: „Ja, ich sterbe jetzt. Die letzten Meter bis zum Ziel … Leute, vergesst nicht, dass ihr Füße habt, um zu laufen!“

Als die Ärzte schließlich den Tod meines Körpers bestätigten, war es 6 Uhr morgens. Tom dachte noch lange an die Worte seines Opas, und er fing an zu rennen: in den Wald, zur Schule, zum Flughafen, bis er zu Hause ankam.

Die narratorische Apotheke

Was könnte das nur sein? Eine Apotheke, in der es Heilmittel gegen seltsame Krankheiten wie „rezidivierender Materialismus“ oder „fortschreitende geistliche Hybris“ gibt? Es handelt sich um ein Antiquariat im Roman „Das Haus der Geschichten“ von Thomas Franke. Und eigentlich ist es eine Geschichten-Sammlung: Geschichten, durch die sich kleine Wahrheitsstrahlen in unser Herz schmuggeln. Und so begleiten die Leser Marvin, der durch solche Geschichten und menschlichen Begegnungen Schritt für Schritt sein Herz für ein neues Abenteuer öffnet. Was wäre, wenn es doch einen Gott geben könnte? Warum will ich zwar gut handeln, krieg es aber nicht so wirklich hin? Und was ist das, was im Leben wirklich zählt?

Ein feinfühliges Buch, das meine Leidenschaft verstärkt: auch ich möchte mit meinen Geschichten Herzen berühren, Perspektiven aufzeigen. Wenn jemand eine narratorische Apotheke aufmachen möchte, liebend gerne würde ich als sein Lehrling anfangen!

Auserlesen: Thomas Franke

(Buchbesprechung von Titus Müller auf YouTube)

Zeitsparer

Wie kann es sein, dass wir immer mehr Zeit sparen, aber immer weniger Zeit übrig haben? Oder, wie es die Kinder in „Momo“ formulieren: „Zeit spahren? Aber für wehn?“

Ich möchte Zeit verschenken, wer will sie haben?

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Strength is for service, not status.

(Romans 15:2 The Message)

Unbezahlbar

Die Luft, die ich atme,
die Sonne, die mein Gemüt erhellt,
die Freundlichkeit, die ich empfange,
die Natur, wild und atemberaubend,
die Inspiration, überraschend und kreativ,
ein Danke, Ermutigung im Alltag,
der Lohn, seinen Idealen gefolgt zu sein,
der Stolz, anderen zu helfen,
die Zeit, lernen zu dürfen,
der Mut, arbeiten zu dürfen,
das Öl, das Mutter Erde uns gibt,
Autobahnen, frei von Stau,
Menschen, frei von Abhängigkeit,
eine Blume, entdeckt am Straßenrand,
das Privileg, in einer Technik-Gesellschaft aufzuwachsen,
Nichtstun, gemeinsam mit anderen,
Freundschaften, haltbar über Zeit und Raum,
Umarmungen, kosten- und erwartungslos,
Schönheit, Ausdruck von Freude und Lebenskraft,
Happiness, meinem Gott zu gehören,
Überraschungen, ein liebes Wort zur rechten Zeit,
Kinderlachen, Kinderfragen, Kindersorgen,
Konfliktlösungen, die Synergie freisetzen,
der Stress, der das Beste von einem fordert,
die Sicherheit, auch ohne Leistungen geliebt zu werden,
Zähne, auf die man sich verlassen kann,
Texte, die Altes erklären, und Neues schaffen,
Musik, in der man sich verlieren kann,
die Fremde, in der man sich verirren kann,
…

all dies ist
unbezahlbar –
das Geschenk zu leben.

danke
schön.

„Söntgen: Na, dann bieten Sie ihm weniger, wenn er (lacht) durch zu viel Geld störrisch wird. Wie war Nadolt?
Dr. Borsig: Zuerst war er auch heikel, aber als ich ihn einmal soweit hatte, da wusste er plötzlich, wieviel er wert war… […] Es ist so merkwürdig mit diesen Leuten: ihre Phantasie ist großartig […] — aber es kommt dann ein Punkt, wo sich ihre Phantasie auch des Geldes bemächtigt …“ (S. 215f)
„Dr. Borsig: Es gibt auch noch die dritte Möglichkeit: daß er nichts mehr mit uns zu tun haben will. (Leiser) Es gibt wirklich Leute, die keinen Preis haben.
Söntgen (lacht): Wenn Sie mal so einen auftreiben, so würde ich mich freuen, ihn kennenzulernen.“ (S. 213)
(Heinrich Böll: Zum Tee bei Dr. Borsig, in: Heinrich Böll – Erzählungen, Hörspiele, Aufsätze, 1961)

Sprüche für Heute

Iss kein Brot von einem gierigen Discounter,
versuch nicht, das Schnäppchen des Monats zu machen.
Denn du weißt nicht, was sein Hintergedanke ist.
Natürlich sagt er: „Greif zu!“, aber nicht aus Wohltätigkeit.
Wenn du sein Brot isst, wirst du es wieder auskotzen müssen, und alles war umsonst.

(nach Sprüche 23,6-8)

Besser ein Tag mit Ohrwurm,
als ein Leben ohne Musik.