Karfreitag: Komm mit

Am Wegrand, nicht weit vom Kreuz entfernt, entdeckte Johannes eine bekannte Gestalt. „Vielen Dank, dass du für ihn das Kreuz getragen hast“, sagte Johannes und ergriff seine Hand. Simon entriss sie ihm und sah zu Boden. „Kein Ding.“ Beide Männer schwiegen.

„Wie heißt du?“ Simon war die Kontaktaufnahme immer noch sichtlich unangenehm. „Ich bin Simon von Kyrene, ein Landarbeiter, der gerade auf dem Weg nach Hause war. Ich dachte schon an meine Familie und mein Essen. Als die Römer mir befahlen, das Kreuz zu tragen, hatte ich so was von kein Bock … aber sie sind Römer, befehlen können sie gut. Also habe ich es getan.“ Da fing es an zu regnen. Johannes antwortete: „Du hast unseren Herrn geehrt, und auch du wirst geehrt werden. Komm mit, wir gehen einen trinken.“ Simon sah ihn überrascht an: „Bist du auch einer von seinen Freunden … gewesen? Dann …“ Ein Schatten legte sich wieder auf sein Gesicht. „Nein, ich kann das nicht annehmen. Was habe ich schon getan. Ich kenne ihn nicht, diesen Menschen, aber er war ein guter Mensch, und ich … ich habe geholfen, ihn umzubringen.“ Tränen kamen in das Gesicht von Johannes, und Simon wurde noch mehr von der Schuld niedergedrückt. Aber statt des erwarteten Wutausbruchs legte Johannes die Hand auf seine Schulter, sah ihm tief in die Augen und flüsterte: „Komm, mein Freund. Ich lade dich ein.“

Und so trotteten zwei miserable Gestalten den Berg hinunter, ohne ein Wort zu sprechen. Es wurde langsam wieder hell, und in der Gaststätte in Jerusalem war es leerer als sonst. Sie setzten sich in die hinterste Ecke und Johannes bestellte einen Krug Wein. Er begann: „Ich möchte dir von meinem Herrn erzählen.“ Seine Stimme klang gebrochen. „Ich versteh das doch auch nicht, warum sie Jesus …“ – „Jesus? Du meinst, Jesus von Nazareth? Ich habe schon viel von ihm gehört. Das war Jesus? Oh mann.“ Simon nahm dankbar den Becher und trank einen tiefen Schluck. „Mir geht einfach nicht aus dem Kopf, wie er mich ansah, als ich ihm das Kreuz abnahm. So voller … Dankbarkeit. In aller seiner Schwäche war er einfach dankbar, dass ihm jemand half (dabei tat ich es alles andere als freiwillig). Er sagte nichts, er war total außer Atem, und ich musste mich auf das Tragen konzentrieren. Aber dieser Blick …“ – „Ja, so war Jesus. Ich könnte dir so viele Geschichten erzählen, was wir mit ihm erlebt haben … aber jetzt …“ Diesmal war es Johannes, der beschämt zu Boden sah. „Wir alle haben ihn verraten. Gestern noch feierten wir das Passahmahl zusammen, und heute … es ist vorbei.“ – „Was ist geschehen?“ – „Simon … ich heiße übrigens Johannes … Simon, was würdest du tun, wenn dich dein bester Freund um einen Gefallen bitten würde? Würdest du nicht alles daran setzen, es zu tun? Tja, irgendwie … irgendwie haben wir es nicht getan. Und Jesus wusste es schon vorher, und war uns nicht einmal böse deswegen. Es ist alles so verrückt. Wir gingen zusammen in den Garten, und Angst … ich hatte ihn noch nie so ängstlich gesehen. Er schwitzte. Er musste beten. Und er wollte, dass wir für ihn beten. Aber wir … wir konnten die Augen nicht offen halten. Und das dreimal! Dreimal.“ Johannes schüttelte den Kopf. „Da sind wir, Diener und Freunde, und können nicht einmal ein paar Minuten wach bleiben. Nicht einmal ihm zuliebe.“ Simon nickte verständnisvoll und meinte: „Dann war es wie bei mir: ihr habt euch schuldig gemacht, und er hat es euch nicht angerechnet.“ Ein Funke Hoffnung blitzte auf dem Gesicht von Johannes auf. „Du hast Recht“, sagte er nachdenklich, „so wird es wohl sein. Natürlich weiß ich, dass er vergibt, aber es zu erfahren … du hast Recht.“

Da stand plötzlich ein anderer Mann neben ihnen, er war gerannt, und zog Johannes am Arm: „Komm, du musst zu den anderen kommen.“ – „Petrus, du hast es wieder einmal ganz eilig. Wohin geht es?“ Jetzt erst entdeckte Petrus den interessierten Blick von Simon. „Du hast doch nicht etwa mit diesem Typen geredet? Johannes, wir müssen vorsichtig sein, erzähl keinem etwas, die Soldaten sind schon hinter uns her …“ Johannes widersprach: „Petrus, ich habe nur getan, was Jesus getan hätte. Ich habe Simon gedankt. Und erstaunlicherweise hat er gerade mir geholfen zu …“ – „Johannes, komm jetzt, dafür ist keine Zeit. Die anderen warten. Meinetwegen, nimm ihn mit, deinen …“ Johannes ergänzte: „Freund.“, und lächelte Simon an. Simon lächelte schüchtern zurück. „Ich möchte keine Umstände machen“, sagte er und holte seine Geldbörse heraus, aber Johannes beschwichtigte ihn und bezahlte. „Komm mit uns, dann kannst du die anderen kennenlernen …“ – „Ich würde ja gerne … aber meine Familie …“ – „Weißt du, was Jesus jetzt sagen würde? ‚Wer seine Hand an den Pflug legt und dann zurückschaut…‘ Es gibt wichtige Dinge, die getan werden müssen – selbst wenn man dafür eine Gewohnheit opfern muss. Vertrau mir, komm mit.“

Karsamstag: Was nun?

Sie hatten sich im Hause des Johannes versammelt.
– „Und, was machen wir jetzt?“
– „Nichts. Heute ist Sabbath. Es ist so ruhig heute. Gestern, das war aufregend … die dunklen Wolken … das Gerücht mit dem Vorhang … und Jesus, willenlos, wie ein Lamm. Und doch, selbst als er da hing, hatte er anderen noch von seinem himmlischen Vater erzählt. … Seine Augen! So viel Schmerz, so viel Trauer…“
– „Hör auf damit. Das ist jetzt vorbei. Jesus ist tot, kapierst du’s nicht?! Wir sind ihm 3 Jahre lang hinterher gelaufen, und was hat’s gebracht? Nichts.“
– „Es waren schöne drei Jahre.“
– „Das schon, aber sie waren trotzdem vergeudet. All die schönen Lehren und Heilungen haben es nicht verhindern können, dass die Pharisäer und Römer sich gegen ihn verbündet haben. Die Römer! Die Römer sind immer noch da, mächtiger denn je. Wenn selbst Jesus da nichts machen konnte, ist alles umsonst.“
– „Leute, es ist heute Sabbath. Ausruhen. Ruhe tanken. So ein bisschen Besinnung kann uns gerade nicht schaden, oder?“
– „Ja, vielleicht sollten wir gerade jetzt die jüdischen Traditionen wieder ernster nehmen. ‚Der Sabbath ist für den Menschen da‘, das ist zwar interessant und neu und überhaupt, aber … ohne Jesus … fühlt sich das alles so leer an.“

– „Ihr lenkt alle ab. Hallo, ich habe eine Frage gestellt! Was sollen wir jetzt machen?“
Petrus schlägt vor: „Vielleicht … sollten wir wieder fischen gehen, so wie früher. Unsere Kumpels leihen uns sicher mal ihre Ausrüstung …“
Die anderen Jünger nicken leicht, aber sehen weiterhin recht ratlos aus.
– „Eine bessere Idee habe ich gerade auch nicht.“
– „Hm. Eigentlich sollten wir als seine Jünger doch jetzt weiter ziehen, um seine Lehre zu verbreiten! Irgendwann hätte er doch sowieso sterben müssen, und dann hätte er uns diese Aufgabe sicherlich übertragen.“
– „Bist du verrückt? Nach allem, was passiert ist? Außerdem … Ich würde mich wie ein Lügner fühlen. Ich kann nicht von etwas erzählen, was ich selbst nicht glaube. Ich bin auch davon gelaufen, ich konnte es einfach nicht aushalten: Jesus, gefangen von den Soldaten, verurteilt, zum Tode. Wieso nannte er uns nur Freunde! Nein, ich kann das einfach nicht.“
– „Was soll ich dann erst sagen. Ich dachte, ich bin doch so mutig … Pustekuchen. Es war so wie er es sagte: bevor der Hahn dreimal krähte…“
– „Jetzt fang‘ nicht damit schon wieder an! Wer weiß, vielleicht war das einfach alles nur Zufall.“
– „Zufall? Und dass Jesus mich dabei anschaute, war etwa auch Zufall? Er konnte in mich hineinsehen, in mir war nur Verrat und … Feigheit.“
– „Also eins versteh ich nicht.“
– „Du Glücklicher, nur eines …“
– „Ja. Wenn Gott Jesus auf die Erde geschickt hat, und das so endet – hat er dann einen Fehler gemacht?“
Ein Schweigen legte sich auf die Jünger. Schließlich fährt Johannes fort:
– „Ich meine, ich kann mir das einfach nicht vorstellen. Verstehen tu ich das auch nicht, aber hatte unser Herr jemals etwas gemacht, was er uns nicht hinterher als genau das Richtige zur richtigen Zeit erklärt hat?“
– „Du meinst also, er sei freiwillig gestorben.“
– „Vielleicht.“
– „Du bist verrückt.“
– „Vielleicht.“
Jetzt sahen sie noch verwunderter drein.

Plötzlich wurde die Tür aufgeschlagen, und Maria kam hereingestürmt: „Was ist denn hier los? Leute, er lebt!“
– „Wer?“
– „Na wer wohl …“

Reformation fängt mit Träumen an

Ich habe einen Traum.
Von einer Kirche, die Wahrheit als Person versteht, nicht als Konzept.
Von Gläubigen, die Leidenschaft und Schönheit mehr nachjagen als ihrem eigenem Komfort.
Von Glaube, wild, ungezähmt, authentisch, und unbeirrbar Gott-zentriert.
Von Liebe, die alle Angst überwindet.
Von Hoffnung, größer als Institutionen und kleiner als falsch verstandene Würde.
Von Sehnsucht, die verrückt-kreative Lösungen sucht.
Von Menschen, die nicht von ihrer Unzulänglichkeit davonlaufen, sondern dem Ruf ihres Meisters folgen.
Von geliebten Kindern Gottes, die innerlich frei Gott und ihr Leben feiern.
Von einer Kirche, die alles tut, um das Tun Gottes zu begleiten und zu unterstützen.
„Gott ist in der Mitte, alles in uns schweige, und sich innigst vor ihm beuge.“

Vielen Dank, Fabian Vogt, für deine Vorträumereien. Dein Roman hat mal wieder alle meine Erwartungen übertroffen.

Ostersonntag: Wieder da

Vor kurzem durfte ich in einem Schreibseminar von Barbara Handke mein Handwerkszeug neu ausprobieren …

„Ach Jesus, da bist du ja, ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht. Wo hast du bloß gesteckt? Du bist ja total verschwitzt, bist du gerannt? Jetzt bist du wieder da, jetzt ist alles wieder in Ordnung.“ Maria machte einen Schritt auf Jesus zu, aber dieser wich zurück.
– „Maria, du verstehst nicht.“
– „Was verstehe ich nicht? Ach, ich muss nicht alles verstehen, ich seh nur dass du wieder da bist, das ist alles, was ich wissen muss. Wie schön. Kommst du mit zum Abendbrot? Ich werd erst noch einkaufen gehen müssen, aber das krieg ich schon irgendwie hin.“
– „Maria.“
– „Ja, Meister?“
– „Ich war drei Tage tot und bin nun wieder auferweckt worden. Verstehst du nicht?“
– „Dann ist es also wahr? Aber sonst bist du es doch immer, der Leute auferweckt. Wieso bist du selbst durch diesen Tunnel gegangen, hättest du dich nicht irgendwie schon im Voraus aufwecken können?“
– „Erinnerst du dich, als ich sagte: ‚Wenn ein Same nicht in den Boden fällt und stirbt, so bringt er keine Frucht.'“
– „Natürlich erinnere ich mich. Das hatte mir damals sehr geholfen: ich musste lernen, meine Tochter loszulassen, und dabei ist ein Stück von mir gestorben. Ohne deine Hilfe hätte ich das nicht hingekriegt.“
– „Dieser Satz gilt auch mir, nicht nur dir.“
– „Jesus?“
– „Ja, meine Tochter?“
– „Ach Jesus … Es ist so schön, dich wiederzuhaben. Ich spüre, etwas ganz Neues ist angebrochen. Willst du nicht vielleicht jetzt bei mir wohnen und deine Wandertätigkeit aufgeben? Ich habe noch ein Zimmer frei für dich.“
– „Maria … Ich werde bei dir wohnen, aber nicht auf der Art, wie du es dir vorstellst.“
– „Du sprichst in Rätseln, wie immer. Aber ich mag dich. Komm einfach mit.“
– „Ich kann nicht.“
– „Du musst noch etwas erledigen? Mein Haus steht dir immer offen, komme, wann du willst.“
– „Meine geliebte Maria, ich werde in deinem Herzen wohnen, auch wenn ich nach Hause gehen werde.“
– „Nach Hause? Nazareth? Oder meinst du Bethlehem? Oder …“
Jesus sah sie nur an, und sie verstand.

– „Dann ist dein Auftrag hier also beendet. Du bist gekommen, hast uns von Gott erzählt, hast deine Versprechen gehalten und uns neue Hoffnung gegeben, wie ein Same. Und nun …“
– „Es ist Zeit, dass ich gehe. Maria, richte deinen Freunden viele Grüße von mir aus. Seid unverzagt und tut das, was ihr in eurem Herzen als richtig erkennt. Viele Jahre habe ich euch gelehrt, jetzt wird ein anderer kommen, der euch lehrt.“
Maria standen die Tränen in die Augen. Sie wagte nicht, die Frage zu formulieren, die ihr auf dem Herzen lag, aber dennoch beantwortete er sie.
– „Ja, eines Tages werden wir uns wiedersehen. Ich werde dir ein Haus bereiten, und du wirst bei mir wohnen bis ans Ende der Zeit. Nun geh.“
– „Ja, Meister.“

Sie beugte ihren Kopf voller Ehrfurcht, drehte sich um und rannte zu den anderen Jüngern, um ihnen zu erzählen, was sie erlebt hatte. Ob sie jemals verstehen wird, was sie heute erfahren hat? Und doch, tief innen drin wusste sie, dass alles gut werden wird. Eines Tages.

Unterwegs wie Schafe

Eines Tages hatte ich Anne bei mir zu Besuch, und gerade als wir uns auf den Weg zum Bahnhof machen, drehte sie nochmal um, denn sie hatte etwas vergessen. In der Eile bemerkte sie nicht, dass sie auf den falschen Hauseingang zulief. Ich rief ihr zu und deutete auf meine Haustüre, sie nickte, und ging schnellen Schrittes – diesmal eine Tür zu weit. Wieder korrigierte ich sie, und als wir schließlich unseren ursprünglichen Weg fortsetzen können, sage ich: „‚Meine Schafe hören meine Stimme‘, kennst du das nicht?“ Sie nickt, verwirrt, „was meinst du damit?“ Mein Kopf dreht sich demonstrativ zur Tür. Sie protestiert: „Das ist gemein. Natürlich weißt du besser als ich, wo deine Haustür ist.“ – „Eben. Ich bin schon so oft die Tür rein und raus gegangen, ich bleib automatisch bei der richtigen Tür stehen. So wie die Schafe, die die Stimme ihres Hirten erkennen, weil er ständig mit ihnen geredet hat.“ – „Wir kennen das, was wir gewohnt sind. Aber kenne ich wirklich die Stimme von Gott? Ich meine, so oft redet er auch nicht mir mir.“

Schweigend gehen wir weiter. Ein Vogel zwitschert unbekümmert, und nachdenklich antworte ich:
„Es heißt nicht, ‚Meine Schafe hören meine Worte‘, Schafe sind zu dumm um die Sprache des Hirten zu verstehen. Aber sie verstehen intuitiv, ob seine Stimme Gefahr oder Friede, Aufbruch oder Ruhe ausdrückt.“ – „Na toll. Natürlich habe ich manchmal eine leise Ahnung, was Gott von mir will. Aber woher weiß ich, dass es Gott ist?“ – „Heißt Glauben nicht immer auch Vertrauen?“

Nun ist sie es, die eine Denkpause einlegt. Sie kickt eine herumliegende Blechbüchse ins Gebüsch und antwortet frustriert: „Ich will aber nicht. Kann Gott sich nicht ein wenig klarer ausdrücken?! Ich meine, es ist doch in seinem Interesse: ich will Entscheidungen treffen, die ihn ehren. Und letztlich weiß ich doch nicht, wohin welcher Weg führen wird.“ – „Ach ja, immer unser Wahn, wir müssten doch auch allmächtig und allwissend sein. Oder zumindest … ein bisschen. Nein, der Hirte weiß den Weg, und wir folgen ihm, weil wir seine Stimme erkennen. Ich glaube, er redet dir gerade beruhigend zu: ‚komm, hier entlang, ein Schritt nach dem anderen, ich werde dich leiten.'“ – „Ich fühle mich wie auf einem Felsgrat: das Leben ist so gefährlich! Ein Schritt ins Leere und … ich stürze ab.“ – „Und dann? Selbst dann würde der Hirte dich wieder suchen, dich gesund pflegen, und den Weg mit dir fortsetzen. Das Wichtige ist, dass wir unserem Hirten nicht davon laufen.“ – „Aber ich will doch Jesus nachfolgen, das Ding ist nur, dass das so oft im Alltag untergeht. Ist Faulheit auch Ungehorsam?“

Am Wegrand liegen die Plastik-Reste eines Schokoriegels, ich hebe sie auf und halte sie ihr hin. „Meinst du wirklich, jemand hat den Müll mit dem bewussten Ziel dort hingeworfen, die Landschaft zu verunstalten? Wahrscheinlich war es eher Gleichgültigkeit: ‚das eine Mal wird das schon in Ordnung sein‘. Was meinst du, ist das Sünde?“ – „Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Es ist respektlos und unhöflich, aber ob das auch was mit Gott zu tun hat …“ – „Mehr als du denkst“, sagte ich und warf die Verpackung in den Mülleimer, an dem wir gerade vorbei kamen.

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I have heard so many songs,
Listened to a thousand tongues,
But there is one that sounds above them all.
(Matt Redman: „The Father’s Song“)

Unsterblich sein (2)

„Mama, warum müssen manche Menschen sterben?“ Tom ist mit seiner Familie ins Krankenhaus gefahren, dort, wo Opa liegt. Dieser fühlte sich angesprochen: „Wer hat gesagt, dass ich sterben muss?“ – „Naja, Mama hat das vorhin im Auto gesagt.“ – „Na dann, richte ihr aus“, und Opa zwinkerte ihr zu, „dass sie zwar einerseits Recht hat, aber andererseits auch nicht. Irgendwie bin ich unsterblich.“ – „Opa, du bist komisch. Was soll denn das schon wieder heißen?“ Da schritt seine Mutter ein: „Jetzt lass doch mal den Opa in Frieden, siehst du nicht, wie anstrengend es für ihn ist, zu reden?“ Opa wehrte mit den Händen ab.

„Ich meine“, fuhr er fort, und Tom fiel auf, dass seine Stimme tatsächlich zitterte, „dass ich zwar bald verschwinden werde, aber meine Träume werden weiterleben…“ – „Was für Träume?“ – „Träume … von unberührter Natur, gerechter Geldverteilung, Großzügigkeit, Kreativität … Dinge, für die ich mein Leben eingesetzt habe, sie werden in euch weiterleben, selbst wenn ich sterbe. Das ist mein Erbe, an euch.“

„Mama, was ist ein Erbe?“ – „Ein Erbe ist so etwas wie ein Geschenk, von jemanden, der stirbt.“ – „Opa stirbt also wirklich?“ Toms Mutter sah ihn an und nahm ihn in den Arm. „Weißt du noch, die rote Blume im Garten?“ Natürlich erinnerte er sich an sie, er hatte sie jeden Tag nachgemessen! „Sie ist gewachsen, hatte eine wunderschöne Blüte, und ist dann verwelkt. Die Blume musste sterben. Das gehört dazu …“ – „Und es gehört auch dazu“, Tom drehte sich zu Opa um, „dass die Blume weiterlebt, obwohl sie gestorben ist: die kleinen Samen, die sie ausgestreut hat, warten nun im Boden auf den nächsten Frühling, und dann kommen gleich drei rote Blumen raus, oder vielleicht noch mehr.“

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Einige Wochen darauf starb Opa. Tom war traurig, und besuchte immer wieder die Stelle, an der die rote Blume stand. Da kam ihm eine Idee: Wenn da wirklich Samen sind, dann brauchen sie doch Wasser! Schnell holte er die Gießkanne und sah am nächsten Morgen wieder nach: leider immer noch keine neuen Blumen. „Ach Tom“, sagte seine Mutter, die ihn beobachtet hatte, „Opa hatte doch gesagt, im Frühling.“ – „Aber vielleicht wachsen sie schneller, wenn ich sie gieße?“ – „Gieß’ sie ruhig jeden Tag ein bisschen, aber die Samen haben so etwas wie eine Uhr in sich: irgendwann, wenn ihr Zeiger auf 12 steht, dann sprießen sie auf.“ Und so nahm er sich vor, sich um die Samen zu kümmern, und er dachte: „Ich will auch so werden wie Opa, eines Tages.“

Ausflug in die Freiheit

„Papa, was ist eigentlich Freiheit?“ Maxi saß in seinem Nest, und Papa Vogel machte große Augen: „Woher kennst du denn dieses Wort?“
– „Ich weiß nicht, ihr benutzt das doch ständig.“
– „Freiheit ist schwierig zu erklären, das muss man erleben.“
– „Ja Papa, ich weiß, das sagst du immer. Bücher lesen ist aber gemütlicher. Gibt es keine Geschichten über Freiheit?“
– „Hm. Freiheit beginnt dort, wo man sich von seinem Komfort verabschiedet.“

Und plötzlich fiel Maxi aus dem Nest. Er sah Papa schmunzeln – hatte er ihn rausgestoßen, wirklich? – doch da wurde Maxi in seinen Gedanken unterbrochen: „du musst flattern!“ Flattern, äh, also, Flügel ausklappen und – wie ging das nochmal? Ich hab das noch nie gemacht, ich krieg das nicht hin! Da sah er Papa Vogel neben sich, er ist da. Also nochmal: Flügel bewegen – „gut machst du das, weiter so!“ – ist das schon Fliegen? „Immer weiter flattern.“ ‚Ach‘, dachte er und schloss die Augen, ‚ich werde es einfach probieren. Entweder ich falle, und Papa fängt mich auf – oder, vielleicht, trägt mich die Luft ja doch?‘ Ob das Freiheit ist: Vertrauen auf den, der mich lieb hat?

Unsterblich sein

An dem Tag, an dem ich sterben sollte, sagte ich zu meinen Enkeln: „Einen Wunsch habe ich noch.“ Und als ob ihre Aufmerksamkeit nicht schon lange meiner Worte gelten würde, wartete ich, und Knistern erfüllte die Stille. Meine Schwester wurde ungeduldig: „Ja, was denn?“ Die Anderen sahen sie böse an, wanden sich aber wieder mir zu. „Unsterblich sein…“, hauchte ich.

„Jetzt ist mein Opa total durchgedreht…“ Tom war nicht der Einzige, der so dachte. Aber nur er war naiv genug, um es auszusprechen: „Na und? Das geht doch gar nicht.“ – „Aber nein, Tom, zerstöre nicht meine Hoffnung. Und 1000 Jahre alt will ich gar nicht werden. Aber 100 … nein Quatsch. Ich möchte, dass … kann mir jemand ein Taschentuch geben? Danke.“ Tränen kamen in meine Augen, ein letztes Mal. „Ich wünsche mir, dass meine Träume in anderen weiterleben, weil sie angesteckt wurden, infiziert, krank, verrückt. Träume, die von Gott sind, sterben nie. Sie schlafen ein, so wie ich bald einschlafen werde, aber das ist nicht das Ende. Ich will unsterblich sein.“ Und ich schloss meine Augen.

Die Anwesenden sahen sich beängstigt an: er wird tatsächlich sterben? Als ob ich ihre Gedanken gehört und ihre Blicke gesehen hätte, murmelte ich: „Ja, ich sterbe jetzt. Die letzten Meter bis zum Ziel … Leute, vergesst nicht, dass ihr Füße habt, um zu laufen!“

Als die Ärzte schließlich den Tod meines Körpers bestätigten, war es 6 Uhr morgens. Tom dachte noch lange an die Worte seines Opas, und er fing an zu rennen: in den Wald, zur Schule, zum Flughafen, bis er zu Hause ankam.

Die narratorische Apotheke

Was könnte das nur sein? Eine Apotheke, in der es Heilmittel gegen seltsame Krankheiten wie „rezidivierender Materialismus“ oder „fortschreitende geistliche Hybris“ gibt? Es handelt sich um ein Antiquariat im Roman „Das Haus der Geschichten“ von Thomas Franke. Und eigentlich ist es eine Geschichten-Sammlung: Geschichten, durch die sich kleine Wahrheitsstrahlen in unser Herz schmuggeln. Und so begleiten die Leser Marvin, der durch solche Geschichten und menschlichen Begegnungen Schritt für Schritt sein Herz für ein neues Abenteuer öffnet. Was wäre, wenn es doch einen Gott geben könnte? Warum will ich zwar gut handeln, krieg es aber nicht so wirklich hin? Und was ist das, was im Leben wirklich zählt?

Ein feinfühliges Buch, das meine Leidenschaft verstärkt: auch ich möchte mit meinen Geschichten Herzen berühren, Perspektiven aufzeigen. Wenn jemand eine narratorische Apotheke aufmachen möchte, liebend gerne würde ich als sein Lehrling anfangen!

Auserlesen: Thomas Franke

(Buchbesprechung von Titus Müller auf YouTube)

Zeitsparer

Wie kann es sein, dass wir immer mehr Zeit sparen, aber immer weniger Zeit übrig haben? Oder, wie es die Kinder in „Momo“ formulieren: „Zeit spahren? Aber für wehn?“

Ich möchte Zeit verschenken, wer will sie haben?

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Strength is for service, not status.

(Romans 15:2 The Message)