Gebete (4) – Schmerz

Mein Gott, der mich sieht:
Mein Gott, der mich heilt:
Höre meinen Schrei!

Der Schmerz meiner Wunde,
die ich überall hin mitnehme,
erinnert mich an dein Da-Sein:
Wo kann ich Ruhe finden?
Wo kann ich mich vor mir selbst verstecken?
Wenn es darauf eine Antwort gibt, dann bist du sie selbst.

Die Tage vergehen, die Wochen verfliegen,
Und jeden Monat brauche ich mehr von dir.
Wenn es nur mich gäbe, wenn ich das alles alleine lösen müsste
hätte ich schon längst aufgegeben.
Das ist mein Wert und meine Würde:
dass du mich „Freund“ nennst.

Du bist: die Oase in meiner Wüste.
Du bist: die Insel der Hoffnung in meinem Chaos.
Du bist: das Licht in meiner Finsternis.
Du bist.

Zeit kann meinen Durst nach Wiederherstellung nicht stillen,
aber du kannst es.
Mein Gott: ich danke dir.

Gebete (3) – Nur eine Berührung

Wenn das Grau verblasst und die Ängste wachsen
Schreit meine Seele auf vor Hunger:
Mein Gott, mein Gott, hast du mich verlassen?
Ist deine Existenz nicht mehr als ein Gerücht,
ein Gerücht, das meine Existenz nicht verändern kann?

Und ich beginne, wild nach links und rechts zu schauen
Mir verlangt nach einer Umarmung, eine Berührung, ein Funken in deinen Augen
Die Hoffnung treibt mich um,
Die Sehnsucht lässt mich weitersuchen,
bis ich irgendwann kapiere: Ich kann dich nicht berühren,
aber ich kann Spuren von dir in meinem Leben entdecken,
Zeugnisse deiner Liebe.

Ja: alles, was du berührst, wird wertvoll.
Darum: komm, gehe durch dieses Land!
Verändere jede Institution und jedes Herz!
Offenbare deine Schönheit und deine schiere Güte!
Bitte, bitte, komm!

Und am Morgen stehe ich auf von meinen Knien
Ich fühle mich schwächer und verzweifelter als zuvor
Und doch: mein Inneres wurde wieder neu ausgerichtet,
ein wenig mehr geformt nach Gottes Vorstellung,
geordnet und gereinigt nach Gottes Wünschen.

Heiliger Geist,
ich brauche deine Berührung.

[Sie] sagte sich: „Wenn ich nur sein Gewand berühre, werde ich wieder gesund.“
(Matthäus 9, 21)

Gebete (2) – Dir folgen

Oh, wie gut geht es dem Menschen, der einfach auf dich vertraut.
Sein Herz folgt deinem Weg wie ein Hund seinem Herrn.
Selbst wenn dieser Weg steinig und glitschig ist,
sprudelt es in ihm über vor Freude: sein Herr ist da! Er ist sicher!
Und der Herr sieht ihn lächelnd an und freut sich an ihm.

Gemeinsam legen sie viele Kilometer zurück,
bis sie eines Tages ankommen werden
an ihrem gemeinsamen Ziel.

(Nach Psalm 84, 6-8)

Es war einmal ein kleines Schaf. Es fühlte sich so alleine auf der großen weiten Wiese. Natürlich waren da noch andere Schafe, aber … sie konnten es nicht verstehen. Es erzählte von dem grünem, saftigem Gras, von dem er träumte, aber keiner hörte ihm zu. Und so beschloss es, alleine aufzubrechen. Es erzählte keinem davon, schließlich würden sie es eh nicht verstehen, packte seinen Rucksack und ging los, als der Mond schien. Es lief den ganzen Tag über Stock und Stein, aber das Gras war dort noch gelber als daheim. Und so, als der Abend kam, brach er kräftelos zusammen. Aber nachts träumte es wieder von saftigem Gras, und fühlte sich erfrischt. Also reiste es weiter.

Zwei Tage später begegnete er einem Hirten. „Was machst du denn hier so allein, kleines Schaf?“ Er erzählte ihm von seinem Traum. Da hatte der Hirte Mitleid mit ihm, nahm es auf seine Schulter und trug es nach Hause. Seine Familie war erleichtert, es wiederzusehen, aber es fühlte sich betrogen: wollte der Hirte es nicht auf grünere Wiesen tragen? Da beugte er sich zu ihm hinunter und flüsterte ihm ins Ohr: „Das Geheimnis ist, ganz nah bei mir zu bleiben, und gleichzeitig ganz nah bei den anderen Schafen. In mir findest du, wonach du dich sehnst.“

Gebete (1) – Gott! ich brauche dich so sehr!

Gott!
Ich brauche dich so sehr!
Ich suche dich hinter jedem Wort und jeder Begegnung,
denn deine Gegenwart durchdringt mein Leben
und macht es lebenswert.

Oh, wie groß ist deine Liebe.
Wie schön du bist!
Du gibst mir alles was ich brauche
und noch mehr,
mein Herz tanzt
und meine Gedanken jubeln,
wenn ich an dich denke.

Selbst wenn ich schlaflos bin,
lässt mich deine Güte nicht los;
schon als ich klein war, hast du mir gezeigt,
wie wertvoll du mich findest.
Wie oft hast du meinen Blick schon neu aufgerichtet,
hast die Umstände verändert
die unveränderlich schienen.
Wenn ich dich anschaue,
verliebe ich mich in dich,
jedes Mal als wäre es das erste Mal.
Es ist einfach unglaublich,
wie treu du zu mir stehst.

Und ja, es gibt Probleme in meinem Leben.
Viel zu viele.
Aber nicht zu viele für dich.
Denn du bist größer als meine Sorgen.
Meine Feinde schreien auf,
wenn sie sehen, dass du in mir lebst,
und rennen davon.
Es ist so schön, dein Kind zu sein,
dein Königskind.

Amen.

(Nach Psalm 63)

Lebenslektionen

Eigentlich hatte ich vor, auf meiner Geburtstagsparty eine Rede zu halten, was ich die letzten 6 Jahre Studium so gelernt habe:

  • PC = Mensch. Als Experte in diesem Gebiet kann ich euch sagen, dass der Computer auch nur ein Mensch ist: er ist fehlerhaft, mysteriös-komplex und manchmal unvorhersehbar. Andererseits bemerke ich auch mit Schaudern, dass wir Menschen uns in manchen Situationen wie Computer verhalten: wenn wir uns überfordert fühlen, fallen wir in alte „Programme“ zurück, als würden wir uns nie verändern.
  • Ask the user. Listen first. Zuerst zuzuhören, bevor man etwas sagt, ist auch in Kundengesprächen eine gute Devise: oft weiß man erst, was man sagen will, wenn jemand es herauskitzelt und damit den Geburtsprozess von Ideen zu Worten unterstützt.
  • Lebenswert: Menschen. Ein Computer um seiner selbst willen ist Schrott. Das, was das Leben wertvoll macht, sind die Menschen um mich herum, nicht ihre Ideen, nicht ihre Auswirkungen, sondern sie selbst.
  • Essentiell. Und ich möchte verschiedene Dinge nicht mehr missen:
    • Bäume. Ich habe mich in der Großstadt nicht wohlgefühlt und seitdem lieber am Stadtrand gelebt.
    • Kinder. Ein Kinderlachen und der Tag ist gerettet. Nicht an allen Studienorten hatte ich Kontakt mit Kindern, und dann fehlte mir ihre Lebendigkeit, Naivität und jemand zum herum-toben.
    • Kreativität. Musik hören ist ja ganz nett, aber Musik machen etwas ganz anderes. Und am meisten Spaß macht es, gemeinsam kreativ herumzuspinnen.
    • Euch. Auf viele verschiedene Weisen habt ihr mein Leben bereichert.

Vielen Dank.

Zerbrochen

Wir saßen im Religionsunterricht. Der Lehrer, der gerade reinkam, hatte einen Beamer mitgebracht, eine DVD und Arbeitsmaterialien, die ich schon kannte: in meiner Gemeinde benutzten sie sie jedes Jahr in einem Glaubens-Grundkurs, um zu erklären, warum Jesus sterben musste.

In unserem Klassenzimmer ging es drunter und drüber: jemand hatte die hellgrüne Plastikbrille von David aus seinem Ranzen geklaut, und nun wurde sie hin- und hergeworfen. David spielte das Spiel mit, und warf sie sogar ein, zweimal an andere Kinder, aber sehr glücklich war er nicht darüber. Dann passierte es: die Brille zerbrach. Stille. David nahm sich die zwei Teile, nahm die Gläser heraus, und sagte: „Ach mann, warum muss sowas sein.“

Ich stubste meine Nachbarin an und sagte leise: über die Brille werden wir heute noch reden, ich würde die Arbeitsblätter schon kennen. Sie weiß, dass ich Christ bin, aber trotzdem sah sie mich verwundert an. Also erklärte ich ihr, „Ich habe diese Arbeitsblätter schon 2 Mal durchgearbeitet, in der Gemeinde, und der Lehrer machte immer ein Beispiel … ‚Wisst ihr, wie Gott verändern will?‘ “ Ich wartete ab, bis sie sich selbst Gedanken machen konnte. „Wir würden jetzt das Kaputte einfach umtauschen. Gott will uns nicht umtauschen, sondern heilen.“ Tränen kamen in ihre Augen. Sie sagte, „Aber zum Christsein gehört doch auch dazu, in die Kirche zu gehen … und sich verändern zu lassen …“, und bevor ich darauf antworten konnte, ging der Unterricht los.

Nachdem der Lehrer die Arbeitsblätter ausgeteilt hatte, startete er den Film, den er auf DVD mitgebracht hatte: ein Zeichentrickfilm, der in kurzen Sätzen und über-stilisierten Bildern das Sterben und die Auferstehung Jesu erzählte. Mir gefiel er nicht. Aber als ich das Bild sah, wie Jesus zerschlagen am Kreuz hing, durchfuhr es mich: ich schrie auf, und krümmte mich wimmernd. Nur wenige Minuten später war der Film zu Ende, und eine fröhliche Melodie füllte den Raum: die Titelmusik der DVD, ich fühlte mich von ihr genervt. Gerade als der Lehrer anhieb, um zu sprechen, beschloss ich, die Musik leiser zu machen; leider erwischte ich den Lauter-Knopf, so dass der Lehrer den Mund wieder schloss. Ich drückte den Stopp-Knopf und schließlich war es ruhig. Eine Hand hob sich. Langsam meldete ich mich auch.

Normalerweise gilt die Regel: wer sich zuerst meldet, wird zuerst drangenommen. Aber er war wohl neugierig, und ich denke, der Rest der Klasse auch. So wendete er sich an Thomas, der sich zuerst gemeldet hatte, und fragte: „Kann das kurz warten?“ Dieser nickte und drehte sich zu mir. Ich fing an:

„Was würdet ihr denn machen, wenn jemand für euch sterben würde?“ Alle schwiegen. „Ich versteh das selbst nicht, und ich werde es nie verstehen. David, gib mir bitte deine Brille.“ — „Ich hab sie schon in den Müll geworfen. Die Gläser waren auch total verkratzt.“ — Ich nickte. „Ich möchte eine Geschichte erzählen. Manchmal fühlen wir uns kaputt wie diese Brille, manche total kaputt, in vielen Einzelteilen, und ich kenne diese Gefühl. Aber alle von uns haben ihre Macken und Kratzer. Nun, wenn Jesus diese Brille in die Hand nehmen würde, was würde er tun?“ Ich wog ab und entschied mich, auch hier eine Denkpause zu lassen. Keiner reagierte auf die (zugegebenermaßen) rhetorische Frage. „Jesus wirft uns nicht weg. Er möchte uns wieder ganz machen, das ist seine Leidenschaft: er heilte die Kranken, und so heilt er auch das Kaputte in uns. Du sagtest“, und ich wandte mich zu meiner Nachbarin, „dass Christen auch in die Kirche gehen müssen und sich verändern lassen müssen. Das ist Quatsch. Das wäre so, als würde man sagen: Um Bildung zu bekommen, musst du in die Schule gehen. Ist schon jemand davon schneller geworden, weil er sich in ein Stadium gesetzt hat? Selbst wenn er noch so intensiv zuschaut, kann er so nur theoretisch lernen. Und hier gehe ich wieder zurück zum Brillen-Bild. Denn: Laufen kann man trainieren. Unser Leben zu reparieren ist so aussichtslos, wie die Brille von David kleben zu wollen. Es wird ein paar Tage halten, aber dann wieder an der gleichen Stelle auseinanderbrechen. Aber Jesus nimmt sie in die Hand, und — wie, werde ich nie verstehen — er macht sie ganz. Und der zweite Teil von dem, was ich nie verstehen werde: irgendwie, damit er unsere Brille ganz machen konnte, musste er seine eigene kaputtmachen. Ich weiß nicht, warum Jesus sterben musste, aber es wird wohl keine andere Möglichkeit gegeben haben. Und das ist das, was mich gerade so bewegt: Gott hat seinen eigenen Sohn geschlagen und zerbrochen, damit er mich ganz machen kann. Das ist die gute Nachricht vom Christ-Sein. Und vielleicht hast du“, ich deutete wieder auf meine Nachbarin, „mit dem zweiten Teil ein bisschen Recht. Wir müssen uns verändern lassen. Aber auch das ist nicht auf unserem Mist gewachsen. Wir müssen ihm unsere Brille nur hinhalten, er nimmt sie in die Hand und … alle Scherben, alle Puzzle-Teile unseres Leben fügt er zusammen. Welche Geduld, welche Liebe hat er für uns.“

Ich hasse die Augenblicke, in denen ich das Wort abgebe: ich will nicht wissen, welche Reaktion ich hervorrufe, ich verstecke mich tief in mir selbst, und gleichzeitig schaue ich durch ein kleines Fenster meines Herzens, ob meine Worte auch andere Herzen angerührt haben. Es wird noch ein langer Weg sein, bis meine Klassenkameraden auch ihr Brillen-Leben an Gott übergeben werden; aber vielleicht sind wir heute ein Schritt weitergekommen.

Karfreitag: Komm mit

Am Wegrand, nicht weit vom Kreuz entfernt, entdeckte Johannes eine bekannte Gestalt. „Vielen Dank, dass du für ihn das Kreuz getragen hast“, sagte Johannes und ergriff seine Hand. Simon entriss sie ihm und sah zu Boden. „Kein Ding.“ Beide Männer schwiegen.

„Wie heißt du?“ Simon war die Kontaktaufnahme immer noch sichtlich unangenehm. „Ich bin Simon von Kyrene, ein Landarbeiter, der gerade auf dem Weg nach Hause war. Ich dachte schon an meine Familie und mein Essen. Als die Römer mir befahlen, das Kreuz zu tragen, hatte ich so was von kein Bock … aber sie sind Römer, befehlen können sie gut. Also habe ich es getan.“ Da fing es an zu regnen. Johannes antwortete: „Du hast unseren Herrn geehrt, und auch du wirst geehrt werden. Komm mit, wir gehen einen trinken.“ Simon sah ihn überrascht an: „Bist du auch einer von seinen Freunden … gewesen? Dann …“ Ein Schatten legte sich wieder auf sein Gesicht. „Nein, ich kann das nicht annehmen. Was habe ich schon getan. Ich kenne ihn nicht, diesen Menschen, aber er war ein guter Mensch, und ich … ich habe geholfen, ihn umzubringen.“ Tränen kamen in das Gesicht von Johannes, und Simon wurde noch mehr von der Schuld niedergedrückt. Aber statt des erwarteten Wutausbruchs legte Johannes die Hand auf seine Schulter, sah ihm tief in die Augen und flüsterte: „Komm, mein Freund. Ich lade dich ein.“

Und so trotteten zwei miserable Gestalten den Berg hinunter, ohne ein Wort zu sprechen. Es wurde langsam wieder hell, und in der Gaststätte in Jerusalem war es leerer als sonst. Sie setzten sich in die hinterste Ecke und Johannes bestellte einen Krug Wein. Er begann: „Ich möchte dir von meinem Herrn erzählen.“ Seine Stimme klang gebrochen. „Ich versteh das doch auch nicht, warum sie Jesus …“ – „Jesus? Du meinst, Jesus von Nazareth? Ich habe schon viel von ihm gehört. Das war Jesus? Oh mann.“ Simon nahm dankbar den Becher und trank einen tiefen Schluck. „Mir geht einfach nicht aus dem Kopf, wie er mich ansah, als ich ihm das Kreuz abnahm. So voller … Dankbarkeit. In aller seiner Schwäche war er einfach dankbar, dass ihm jemand half (dabei tat ich es alles andere als freiwillig). Er sagte nichts, er war total außer Atem, und ich musste mich auf das Tragen konzentrieren. Aber dieser Blick …“ – „Ja, so war Jesus. Ich könnte dir so viele Geschichten erzählen, was wir mit ihm erlebt haben … aber jetzt …“ Diesmal war es Johannes, der beschämt zu Boden sah. „Wir alle haben ihn verraten. Gestern noch feierten wir das Passahmahl zusammen, und heute … es ist vorbei.“ – „Was ist geschehen?“ – „Simon … ich heiße übrigens Johannes … Simon, was würdest du tun, wenn dich dein bester Freund um einen Gefallen bitten würde? Würdest du nicht alles daran setzen, es zu tun? Tja, irgendwie … irgendwie haben wir es nicht getan. Und Jesus wusste es schon vorher, und war uns nicht einmal böse deswegen. Es ist alles so verrückt. Wir gingen zusammen in den Garten, und Angst … ich hatte ihn noch nie so ängstlich gesehen. Er schwitzte. Er musste beten. Und er wollte, dass wir für ihn beten. Aber wir … wir konnten die Augen nicht offen halten. Und das dreimal! Dreimal.“ Johannes schüttelte den Kopf. „Da sind wir, Diener und Freunde, und können nicht einmal ein paar Minuten wach bleiben. Nicht einmal ihm zuliebe.“ Simon nickte verständnisvoll und meinte: „Dann war es wie bei mir: ihr habt euch schuldig gemacht, und er hat es euch nicht angerechnet.“ Ein Funke Hoffnung blitzte auf dem Gesicht von Johannes auf. „Du hast Recht“, sagte er nachdenklich, „so wird es wohl sein. Natürlich weiß ich, dass er vergibt, aber es zu erfahren … du hast Recht.“

Da stand plötzlich ein anderer Mann neben ihnen, er war gerannt, und zog Johannes am Arm: „Komm, du musst zu den anderen kommen.“ – „Petrus, du hast es wieder einmal ganz eilig. Wohin geht es?“ Jetzt erst entdeckte Petrus den interessierten Blick von Simon. „Du hast doch nicht etwa mit diesem Typen geredet? Johannes, wir müssen vorsichtig sein, erzähl keinem etwas, die Soldaten sind schon hinter uns her …“ Johannes widersprach: „Petrus, ich habe nur getan, was Jesus getan hätte. Ich habe Simon gedankt. Und erstaunlicherweise hat er gerade mir geholfen zu …“ – „Johannes, komm jetzt, dafür ist keine Zeit. Die anderen warten. Meinetwegen, nimm ihn mit, deinen …“ Johannes ergänzte: „Freund.“, und lächelte Simon an. Simon lächelte schüchtern zurück. „Ich möchte keine Umstände machen“, sagte er und holte seine Geldbörse heraus, aber Johannes beschwichtigte ihn und bezahlte. „Komm mit uns, dann kannst du die anderen kennenlernen …“ – „Ich würde ja gerne … aber meine Familie …“ – „Weißt du, was Jesus jetzt sagen würde? ‚Wer seine Hand an den Pflug legt und dann zurückschaut…‘ Es gibt wichtige Dinge, die getan werden müssen – selbst wenn man dafür eine Gewohnheit opfern muss. Vertrau mir, komm mit.“

Karsamstag: Was nun?

Sie hatten sich im Hause des Johannes versammelt.
– „Und, was machen wir jetzt?“
– „Nichts. Heute ist Sabbath. Es ist so ruhig heute. Gestern, das war aufregend … die dunklen Wolken … das Gerücht mit dem Vorhang … und Jesus, willenlos, wie ein Lamm. Und doch, selbst als er da hing, hatte er anderen noch von seinem himmlischen Vater erzählt. … Seine Augen! So viel Schmerz, so viel Trauer…“
– „Hör auf damit. Das ist jetzt vorbei. Jesus ist tot, kapierst du’s nicht?! Wir sind ihm 3 Jahre lang hinterher gelaufen, und was hat’s gebracht? Nichts.“
– „Es waren schöne drei Jahre.“
– „Das schon, aber sie waren trotzdem vergeudet. All die schönen Lehren und Heilungen haben es nicht verhindern können, dass die Pharisäer und Römer sich gegen ihn verbündet haben. Die Römer! Die Römer sind immer noch da, mächtiger denn je. Wenn selbst Jesus da nichts machen konnte, ist alles umsonst.“
– „Leute, es ist heute Sabbath. Ausruhen. Ruhe tanken. So ein bisschen Besinnung kann uns gerade nicht schaden, oder?“
– „Ja, vielleicht sollten wir gerade jetzt die jüdischen Traditionen wieder ernster nehmen. ‚Der Sabbath ist für den Menschen da‘, das ist zwar interessant und neu und überhaupt, aber … ohne Jesus … fühlt sich das alles so leer an.“

– „Ihr lenkt alle ab. Hallo, ich habe eine Frage gestellt! Was sollen wir jetzt machen?“
Petrus schlägt vor: „Vielleicht … sollten wir wieder fischen gehen, so wie früher. Unsere Kumpels leihen uns sicher mal ihre Ausrüstung …“
Die anderen Jünger nicken leicht, aber sehen weiterhin recht ratlos aus.
– „Eine bessere Idee habe ich gerade auch nicht.“
– „Hm. Eigentlich sollten wir als seine Jünger doch jetzt weiter ziehen, um seine Lehre zu verbreiten! Irgendwann hätte er doch sowieso sterben müssen, und dann hätte er uns diese Aufgabe sicherlich übertragen.“
– „Bist du verrückt? Nach allem, was passiert ist? Außerdem … Ich würde mich wie ein Lügner fühlen. Ich kann nicht von etwas erzählen, was ich selbst nicht glaube. Ich bin auch davon gelaufen, ich konnte es einfach nicht aushalten: Jesus, gefangen von den Soldaten, verurteilt, zum Tode. Wieso nannte er uns nur Freunde! Nein, ich kann das einfach nicht.“
– „Was soll ich dann erst sagen. Ich dachte, ich bin doch so mutig … Pustekuchen. Es war so wie er es sagte: bevor der Hahn dreimal krähte…“
– „Jetzt fang‘ nicht damit schon wieder an! Wer weiß, vielleicht war das einfach alles nur Zufall.“
– „Zufall? Und dass Jesus mich dabei anschaute, war etwa auch Zufall? Er konnte in mich hineinsehen, in mir war nur Verrat und … Feigheit.“
– „Also eins versteh ich nicht.“
– „Du Glücklicher, nur eines …“
– „Ja. Wenn Gott Jesus auf die Erde geschickt hat, und das so endet – hat er dann einen Fehler gemacht?“
Ein Schweigen legte sich auf die Jünger. Schließlich fährt Johannes fort:
– „Ich meine, ich kann mir das einfach nicht vorstellen. Verstehen tu ich das auch nicht, aber hatte unser Herr jemals etwas gemacht, was er uns nicht hinterher als genau das Richtige zur richtigen Zeit erklärt hat?“
– „Du meinst also, er sei freiwillig gestorben.“
– „Vielleicht.“
– „Du bist verrückt.“
– „Vielleicht.“
Jetzt sahen sie noch verwunderter drein.

Plötzlich wurde die Tür aufgeschlagen, und Maria kam hereingestürmt: „Was ist denn hier los? Leute, er lebt!“
– „Wer?“
– „Na wer wohl …“

Reformation fängt mit Träumen an

Ich habe einen Traum.
Von einer Kirche, die Wahrheit als Person versteht, nicht als Konzept.
Von Gläubigen, die Leidenschaft und Schönheit mehr nachjagen als ihrem eigenem Komfort.
Von Glaube, wild, ungezähmt, authentisch, und unbeirrbar Gott-zentriert.
Von Liebe, die alle Angst überwindet.
Von Hoffnung, größer als Institutionen und kleiner als falsch verstandene Würde.
Von Sehnsucht, die verrückt-kreative Lösungen sucht.
Von Menschen, die nicht von ihrer Unzulänglichkeit davonlaufen, sondern dem Ruf ihres Meisters folgen.
Von geliebten Kindern Gottes, die innerlich frei Gott und ihr Leben feiern.
Von einer Kirche, die alles tut, um das Tun Gottes zu begleiten und zu unterstützen.
„Gott ist in der Mitte, alles in uns schweige, und sich innigst vor ihm beuge.“

Vielen Dank, Fabian Vogt, für deine Vorträumereien. Dein Roman hat mal wieder alle meine Erwartungen übertroffen.

Ostersonntag: Wieder da

Vor kurzem durfte ich in einem Schreibseminar von Barbara Handke mein Handwerkszeug neu ausprobieren …

„Ach Jesus, da bist du ja, ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht. Wo hast du bloß gesteckt? Du bist ja total verschwitzt, bist du gerannt? Jetzt bist du wieder da, jetzt ist alles wieder in Ordnung.“ Maria machte einen Schritt auf Jesus zu, aber dieser wich zurück.
– „Maria, du verstehst nicht.“
– „Was verstehe ich nicht? Ach, ich muss nicht alles verstehen, ich seh nur dass du wieder da bist, das ist alles, was ich wissen muss. Wie schön. Kommst du mit zum Abendbrot? Ich werd erst noch einkaufen gehen müssen, aber das krieg ich schon irgendwie hin.“
– „Maria.“
– „Ja, Meister?“
– „Ich war drei Tage tot und bin nun wieder auferweckt worden. Verstehst du nicht?“
– „Dann ist es also wahr? Aber sonst bist du es doch immer, der Leute auferweckt. Wieso bist du selbst durch diesen Tunnel gegangen, hättest du dich nicht irgendwie schon im Voraus aufwecken können?“
– „Erinnerst du dich, als ich sagte: ‚Wenn ein Same nicht in den Boden fällt und stirbt, so bringt er keine Frucht.'“
– „Natürlich erinnere ich mich. Das hatte mir damals sehr geholfen: ich musste lernen, meine Tochter loszulassen, und dabei ist ein Stück von mir gestorben. Ohne deine Hilfe hätte ich das nicht hingekriegt.“
– „Dieser Satz gilt auch mir, nicht nur dir.“
– „Jesus?“
– „Ja, meine Tochter?“
– „Ach Jesus … Es ist so schön, dich wiederzuhaben. Ich spüre, etwas ganz Neues ist angebrochen. Willst du nicht vielleicht jetzt bei mir wohnen und deine Wandertätigkeit aufgeben? Ich habe noch ein Zimmer frei für dich.“
– „Maria … Ich werde bei dir wohnen, aber nicht auf der Art, wie du es dir vorstellst.“
– „Du sprichst in Rätseln, wie immer. Aber ich mag dich. Komm einfach mit.“
– „Ich kann nicht.“
– „Du musst noch etwas erledigen? Mein Haus steht dir immer offen, komme, wann du willst.“
– „Meine geliebte Maria, ich werde in deinem Herzen wohnen, auch wenn ich nach Hause gehen werde.“
– „Nach Hause? Nazareth? Oder meinst du Bethlehem? Oder …“
Jesus sah sie nur an, und sie verstand.

– „Dann ist dein Auftrag hier also beendet. Du bist gekommen, hast uns von Gott erzählt, hast deine Versprechen gehalten und uns neue Hoffnung gegeben, wie ein Same. Und nun …“
– „Es ist Zeit, dass ich gehe. Maria, richte deinen Freunden viele Grüße von mir aus. Seid unverzagt und tut das, was ihr in eurem Herzen als richtig erkennt. Viele Jahre habe ich euch gelehrt, jetzt wird ein anderer kommen, der euch lehrt.“
Maria standen die Tränen in die Augen. Sie wagte nicht, die Frage zu formulieren, die ihr auf dem Herzen lag, aber dennoch beantwortete er sie.
– „Ja, eines Tages werden wir uns wiedersehen. Ich werde dir ein Haus bereiten, und du wirst bei mir wohnen bis ans Ende der Zeit. Nun geh.“
– „Ja, Meister.“

Sie beugte ihren Kopf voller Ehrfurcht, drehte sich um und rannte zu den anderen Jüngern, um ihnen zu erzählen, was sie erlebt hatte. Ob sie jemals verstehen wird, was sie heute erfahren hat? Und doch, tief innen drin wusste sie, dass alles gut werden wird. Eines Tages.