Was ist kognitiv hochsensibel?

Ich habe den Eindruck, Hochsensibilität wird vor allem mit Empathie und der emotionalen Sensibilität verknüpft. Wenn man dieses Bild im Kopf hat, wird man die kognitiv Hochsensiblen übersehen – ihre Domaine, die sie tief und intensiv verarbeitet, sind nicht eigene und fremde Gefühle, sondern Ideen und Konzepte. (M)ein Beispiel:

Kognitiv Hochsensible denken komplex. Sehr komplex.

Ich bin ein Denker.
(Ich bin auch ein Fühler, aber darum geht es jetzt nicht.)

Ich will alles durch-denken. Das ganze System, in all seiner Komplexität. Denn die Welt ist komplex. Und es ist doch ganz logisch: wenn ich an einer Stelle eine Stellschraube drehe, muss ich auch woanders etwas verändern, damit es im Gleichgewicht bleibt. Mir ist es wichtig, das große Bild im Blick zu behalten: was ist meine Rolle, was ist unser gemeinsames Ziel, und wie hilft uns die Struktur, dorthin zukommen.

Man sagt mir auch, ich sei sehr selbst-reflektiert. Das stimmt wahrscheinlich, aber ich denke mir immer: ich kann doch eh nicht anders … Immer, wenn ich in einer neuen Situation war, vielleicht auch in einer überfordernden Situation, denke ich darüber nach, manchmal tagelang. Und dabei läuft vieles nicht über Logik, sondern über Intuition: ich verknüpfe unbewusst es mit vorherigen Erfahrungen, vergleiche es mit anderen Theorien und ziehe dadurch meine Schlüsse. Darum liebe ich es, gute Romane zu lesen: so kann ich Dinge mit-erleben, die sonst nie meine Lebenswelt wären.

Und wenn ich am Horizont ein stimmiges, passendes, „schönes“ System sehe – etwas, was das Leben bereichert, etwas, was Sinn-voll ist – dann motiviert mich das, alles dafür zu geben, dass dieses System eines Tages Realität werden kann. Dabei verzettele ich mich manchmal zu sehr in den Details … oder in der Planung.

Manche sind auch genervt, dass ich immer so tief nachdenke. Sie hätten gerne schnellere Entscheidungen oder einfachere Antworten. Die Herausforderung für mich ist dabei, bewusst zu entscheiden, wie viel Tiefe ich gerade angemessen halte – ob ich den Teller mit der linken oder rechten Hand spüle, kann ich inzwischen auch einfach aus dem Bauch heraus entscheiden.

Ich mag mich.

„Die kognitiven Hochsensiblen können sich in der Regel sehr in ein Thema vertiefen und es analytisch und intellektuell durchdenken. Sie können schnell Lücken im System oder in Gedankengängen erkennen, komplexe Zusammenhänge darstellen, wissenschaftliche Publikationen schreiben und gut mit dem Computer umgehen. …“

Brigitte Schorr, Hochsensibilität – Empfindsamkeit leben und verstehen. 2016. S. 21-22

(Die Zeichnung ist von Dan Allisson – CC BY-NC)

Zur Vertiefung empfehle ich das Arbeitsblatt 1: Ich und meine Sensibilität

4 Gedanken zu „Was ist kognitiv hochsensibel?

  1. Diesen Abschnitt habe ich aus dem Artikel rausgenommen, weil er wahrscheinlich eine Mischform aus kognitiv hochsensibel und emotional hochsensibel ist:

    Ich bin ein Grenzgänger: der Grenz-Übergang zwischen Theorie und Praxis ist das, was mich interessiert. Theorien müssen auch praktisch hilfreich sein. Und praktische Erfahrungen müssen sortiert, katalogisiert und eingeordnet werden, damit sie auf andere Situationen übertragen werden können.

    Ein Grenzgänger auch im soziologisch-kulturellen-sprachlichen Sinn: ich schaue alles von vielen Perspektiven an und kann das Für und Wider beides verständnisvoll nachvollziehen. Und dadurch auch mein Vokabular an mein Zielpublikum anpassen.

    Menschen sind mir wichtiger als Ideen – ich bin eher beziehungsorientiert als sach-orientiert. Aber da ich beides tief verarbeite (Gefühle und Ideen), versuche ich die Probleme (wie hier) auch auf kognitiver Ebene zu bearbeiten.

  2. Lieber Benjamin Pick, ich habe zwei Söhne, einer davon ist diagnostizierter Asperger-Autist. Aber da ist noch mehr, das weiß ich. Er ist 12, und er ist auf so viele Arten anders. Er soll auch hochbegabt sein, sagt die Psychiaterin, aber auch das „trifft nicht ins Bild“, wenn ich das mal so sagen darf.
    „Kognitiv hochsensibel“ springt mich in Bezug auf meinen Sohn, eigentlich auf beide, richtig an. Kann man das diagnostizieren? Ich weiß, dass eine Diagnose nicht alles im Leben ist, aber ich versuche, meine Kinder durch das System Schule zu befördern. Denn mein 12jähriger wünscht sich nichts mehr als ein Abitur, ein Studium und eine Promotion. Und wenn ich ihm dabei helfen will, was ich ja will, brauche ich Unterstützung, und dazu braucht man leider in Deutschland Diagnosen. DANKE

  3. Pingback: In welchen Aspekten/Erfahrungen hat es dir in deinem Glauben geholfen zu wissen, dass du hochsensibel bist? (Frage 9) - Wortlose KommunikationWortlose Kommunikation

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.